Brooklyn

Categories: Roman
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Published on: 7. Februar 2011


 Colm Tóibín wurde am 30. Mai 1955 in Enniscorthy, in Irland geboren. Tóibíns erster Roman The South wurde von der Zeit, die er in Barcelona verbrachte, inspiriert und von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Neben Romanen schreibt Tóibín auch Sachbücher, und arbeitet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit als Journalist und Literaturkritiker

Die junge Eilis wandert nach Amerika aus. Dort sollen die Arbeitsverhältnisse besser sein als in irischen Heimat. Eilis hat keine richtige Beschäftigung, wird vielmehr von einer Ladenbesitzerin, Miss Kelly, zeitweilig beschäftigt, erniedrigt und ausgenutzt. Ihrer Kollegin, der jungen Mary, geht es noch schlechter: „Sie (Miss Kelly) hat so eine kleine Sklavin, nicht? Die hat sie aus einer Klosterschule rausgeholt“, fragt Eilis Mutter sie nach dem ersten Arbeitstag. Nicht gerade blendende Voraussetzungen für die Zukunft.

Aber das ändert sich eines Tages, als ein Pfarrer aus Brooklyn das Dorf besucht. Er verspricht ihr die weite Welt Amerikas. Eilis’ Brüder haben das Dorf bereits verlassen. Einzig die Mädchen, Eilis und ihre ältere Schwester, leben noch bei der Mutter und die ist alles andere als glücklich, als Eilis nach Amerika geht. Nur ganz allmählich gelingt es der, sich dort einzuleben..

Wie eindringlich Tóbín das karge Leben des jungen Mädchen beschreibt ist beeindruckend, und heute ist es kaum noch vorstellbar, unter welchen Voraussetzungen die Menschen in der westlichen Welt, das Buch spielt Anfang der Fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, ihr Dasein fristen mussten. Eilis’ Leben besteht aus Arbeit, der Abendschule, die sie erfolgreich besucht, um geprüfte Buchhalterin zu werden, und aus Schlafen. Ab und an geht sie mit den übrigen Bewohnern ihres Hauses zum Tanz. Dort trifft sie Tony, einen Italiener. Beide verlieben sich ineinander. Das Glück wird auf eine harte Probe gestellt, als Eilis’ Schwester Rose plötzlich stirbt, und Eilis nach Irland zurückkehrt. Zwar nur zu Besuch, wie sie Tony erklärt, aber der misstraut der ganzen Sache.

Wie Colm Tóibín das Schicksal dieser jungen Frau beschreibt, ist große Literatur. Er lockt den Leser, von der ersten Zeile ab, in die Handlung und lässt ihn hin- und her gerissen sein von den meist voraussehbaren Ereignissen. Dennoch verfügt der Roman über Spannung, die aus den wunderbar einfühlsamen Beschreibungen der Charaktere und Ereignisse bezogen wird. Alles greift perfekt ineinander. Kein Zufall muss der Handlung zu Hilfe kommen. Das ist leider selten geworden heutzutage, wo gerade in der Literatur, Spannung nur noch aus nicht alltäglichen Ereignissen und Begebenheiten herrangezogen wird. Bei Tóibín ist es das Leben, das den Bogen spannt

Er erzählt ausführlich. Ein wenig langatmig, wie ich am Anfang empfand. Aber bald wurde ich eines Besseren belehrt. Jeder Satz ist notwendig.

Wer sich manchmal fragt, warum es neue Bücher geben muss, angesichts all der herausragenden Werke, die in der Vergangenheit bereits geschrieben wurden, findet bei der Tóibín die Antwort: weil ein großartiger Schriftsteller immer noch in der Lage ist, das Leben seiner Figuren so zu beschreiben als wäre man dabei gewesen.

Wie beispielsweise, als er die Langeweile beschreibt, in der seine Protagonistin gefangen war: „Sie schloss die Augen und versuchte, wie sie es schon oft in ihrem Leben getan hatte, an etwas zu denken, auf das sie sich freuen konnte, aber es gab nichts. Nicht das Geringste. Nicht einmal den Sonntag. Auf nichts außer vielleicht auf den Schlaf, und sie war sich nicht einmal sicher, dass sie sich darauf freute. Auf jeden Fall konnte sie noch nicht schlafen, da es noch nicht einmal neun war. Es gab nichts, was sie tun konnte. Es war, als sei sie eingesperrt.“

Tóibín schreibt in einer Sprache, die man kaum noch antrifft. Wenn man ihn liest, fragt man sich, warum sie sich heutzutage so wenig Literaten zutrauen. Liegt es daran, dass die Bücher der großen Verkaufserfolge mit dramatischen oder mystifizierten Steigerungen arbeiten? Wahrscheinlich ist das so, und es bleibt wenig für Charakter und Sprache. Ist dann auch nicht notwendig, denkt man und der Leser schweigt verstört. Tóibín verschafft ihm wieder die Lust am Lesen.

Gebundene Ausgabe: 302 Seiten

Verlag: Hanser; Auflage: 3 (6. September 2010)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3446235663

ISBN-13: 978-3446235663

Originaltitel: Brooklyn

Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 15 x 3 cm

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