Wozu lesen?

Wozu lesen?

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Charles Dantzig, geboren 1961, publiziert seit den 1990er Jahren Lyrik, Romane und Essays. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er den Prix de l’Essai der Académie française und den Grand prix der Elle-Leserinnen. Dantzig ist Lektor im französischen Verlag Grasset und lebt in Paris.

Das Buch von Charles Dantzig, Wozu Lesen!, ist ein besonders angenehm gestaltetes Exemplar. Der rostrote Leinen-Einband, die schlichten Schriftzüge über Titel und Autor, das wunderbar unauffällige aber aussagekräftige kleine Bild eines lesenden Mädchens in der Mitte des vorderen Umschlags und der in seiner Einfachheit nicht zu überbietende Verlagsname L.S.D. allein genügen, dieses Buch unbedingt in seinem Bücherschrank haben zu müssen.

Das Schöne ist, der Inhalt lässt die Begeisterung nicht abklingen. Was Charles Dantzig mit diesem Werk über seine Auffassung vom Lesen, über Autoren und Autorinnen sowie den Antworten auf seine Frage abliefert, ist vom Allerfeinsten. Ich habe schon einige Bücher über Literatur gelesen. Wozu lesen! dachte ich, fällt in dieselbe Kategorie bemüht umfangreicher Aufzählungen über verschiedene Blickwinkel zum Thema. Spätestens nach der Hälfte fing es immer an, langweilig zu werden. Charles Dantzig aber schreibt so, dass man alles lesen muss. Da langweilt nichts. Nicht einmal Passagen, in denen er über Autoren/innen schreibt, die ich nicht kenne. Was seine Ausführungen unvergleichlich macht, ist, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt: „Ich habe versucht, Biss zum Morgengrauen zu lesen, wirklich, aber es ging einfach nicht. Bleiben der Autorin Stephanie Meyer noch 84.999.999 Leser, für ihre Romane, die weder gut sind noch schlecht, sondern miserabel… Da gibt es Dialoge wie: ‚Gehst Du zur Schule, Bella?’ ‚Ja, Edward, ich gehe zur Schule“. Und das ist nur ein Beispiel. Es ist zu mühsam, Wittgenstein liest sich leichter, glauben Sie mir.“

Nun mag man einwenden, es falle leicht, die erfolgreiche Literatur der Gegenwart als unliterarisch zu kritisieren. Aber Dantzig schreibt nicht nur über schlichte Gegenwartsliteratur. Er gibt es auch den literarisch Großen: „Nirgendwo, heißt es, erfährt man so viel über Geschichte wie in den Romanen von Alexandre Dumas. Meinetwegen. Das sagt man so. Aber es ist falsch. Wenn man in den Romanen von Alexandre Dumas überhaupt etwas erfährt, dann etwas über Alexandre Dumas.“

Das gibt nur die Meinung des Autors wider, und darauf weist er auch mehrfach hin. Außerdem ist seine Liebe oder Abneigung zu Büchern oder Autoren/innen geteilt. Er mag eines, aber das andere nicht. Genau dies ist es, was dem Buch etwas verleiht, was selten ist. Mit Dantzigs Aussagen stimme ich nicht immer überein. Aber er gibt auch keine Richtung vor, nennt weder Vorlieben oder noch Abneigungen, die er seinen Bewertungen schuldet. Somit fehlt alles Zwanghafte darin.

Man mag nicht glauben, dass dies Buch von Charles Dantzig, der, wie es im Werbetext des Verlags heißt, „ein Grande der französischen Kulturszene und die französischen Stilikone im Feld der Literatur ist“, das erste ist, das es über die Grenze geschafft hat.

L.S.D. das suchtverheißende Kürzel des Verlags steht für Lagerfeld, Steidl, Druckerei Verlag, eine Neugründung von Karl Lagerfeld im Steidl Verlag im Bereich Fotografie und Kunst, aber auch für Bücher, vor allem Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen. Bitte, lieber Verlag oder lieber Karl Lagerfeld, lassen Sie den deutschen Leser nicht länger auf weitere Bücher von Charles Dantzig warten. Bitte. Ich wünsche mir, mehr von ihm zu lesen.

Warum lesen? Die Frage ist auch nach der Lektüre nicht zu beantworten für diejenigen, die sowieso nicht lesen. Für die anderen stellt sich diese Frage nicht, selbst wenn es im Buch heißt: Lesen ist unvernünftig. Es gibt weitaus wichtigere Dinge, sagen die wichtigen Leute. Das stimmt. Und mit diesen Worten lesen wir pfeifend weiter in den Büchern, die uns um eitlen Ruhm und nichtigen Reichtum bringen.“

Wenn es auch keine befriedigende einfache Antwort auf die Frage Wozu lesen? gibt, lohnt es sich, darüber nachzudenken, besonders wenn es jemand wie Charles Dantzig tut. Ich danke ihm, dass er mich hat teilnehmen lassen an diesen Gedanken.

 Charles Dantzig
Wozu lesen?

  • Gebundene Ausgabe: 205 Seiten
  • Verlag: Steidl; Auflage: 1., Aufl. (September 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3869303662
  • ISBN-13: 978-3869303666
  • Größe: 22 x 14,3 x 2 cm
  • Preis: 16,00 €


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