Das Eigentliche

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Iris Hanika, geboren 1962 in Würzburg, lebt seit 1979 in Berlin. Sie war feste Mitarbeiterin der Berliner Seite der FAZ und führt eine Chronik im Merkur. 2006 erhielt Iris Hanika 2006 den Hans Fallada Preis.

Bisherige Veröffentlichungen “Katharina oder Die Existenzverpflichtung” (Erzählung, 1992), “Das Loch im Brot” (Chronik, 2003), “Musik für Flughäfen” (Kurze Texte, 2005), “Die Wette auf das Unbewußte oder Was Sie schon immer über Psychoanalyse wissen wollten” (mit Edith Seifert, 2006) sowie “Treffen sich zwei“ (2008).

Das Eigentliche handelt vom Leiden des Franz Hambach und dessen guter Freundin Graziella. Am meisten leiden beide an der deutschen Vergangenheit. Allerdings, zu der Zeit als der Roman spielt, hat das Leid daran nicht mehr die große Bedeutung in ihrem Leben wie vorher. Nun leidet Franz auch noch darunter, dass Graziella einen anderen Mann liebt, der dazu noch verheiratet ist, woran Graziella ebenfalls leidet. Die Protagonisten sind verstrickt in Freundschaft, Liebe und Einsamkeit und auf der, absehbar erfolglosen, Suche nach dem Lebenssinn.

Die deutsche Vergangenheit spielt, obwohl es kein historischer Roman ist, eine Hauptrolle. Hanika erzählt in der ihr eigenen großartigen Sprachkunst vom Leiden an der Nazi-Vergangenheit.

Dabei nähert sie sich dem Holocaust von zwei Seiten. Einmal von der Seite, die man kennt, die von der Betroffenheit über das unfassbare Geschehen handelt und dann beschreibt sie auch eine andere Seite, nämlich die, der Fragwürdigkeit, die mit der öffentlichen Betroffenheit einhergehen kann, und sie tut dies, indem sie die Gefühle der Protagonisten in den Vordergrund stellt. Ebenfalls wird der Fragwürdigkeit Raum gegeben, mit der das Gedenken manchmal aufgearbeitet wird, wie anlässlich eines Kirchenkonzerts:

Kaum hatte er das dreiteilige Faltblatt… ganz aufgeschlagen, verkrampfte sich sein Gesicht wieder… Von Absatz zu Absatz wurde sein Körper härter, dabei stieg die Wut in ihm auf… Nun begann die Orgel zu spielen… es hieben die mächtigen Orgeltöne VATER VERGIB IHNEN, DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN wie mit Keulen in sein aufgequollenes Herz… Alle Verbrechen aller Zeiten entnahm er diesem Text, waren einfach und zufriedenstellend zu erklären… wissen nicht, was sie tun, jetzt und immerdar, auf der ganzen Welt…

Wie das alles falsch war… Wie nichts dadurch erklärt wurde… weil der liebe Gott es ja praktisch in seinem Schöpfungsplan schon vorgesehen hatte.

Mit ihrem Ton vermeidet die Autorin das bedenklich-rationale und trifft das gefühlt-geistige, was man an der Szene sehen kann, mit der sie die in vielen deutschen Städten liegenden Stolpersteine beschreibt: Manche Steine waren schon ganz dunkel geworden, die lagen wohl schon lange da… diese winzigkleinen Gedenksteine für ermordete Personen… niemand ihnen gleich, einzig, und das graue Pflaster,… über dieses Meer aus goldfarbenen, oft schon nachgedunkelten kleinen Gedenksteinen, so viele, so viele solcher kleiner Gedenksteine, so viele, viele, viele, so viele, so viele, so viele.

In ihrem vorherigen Buch, Treffen sich zwei, geht alles Geschehen um die Handlungen von Liebenden. In diesem Buch ist die Liebe verborgen. Ich meine sie entdeckt zu haben, und sie wird in zartester Form beschrieben, wie, wenn Franz sich über Grazielas Hände Gedanken macht, und darüber wie sie die Fingerspitzen immer wieder aneinanderlegt. Oder später, als Franz in der Tiefe seiner Gefühlswelt angekommen ist: Er spürte, wie aus seinem Herzen ein breiter Strom herausfloß und alles mit sich trug, was in den letzten Tagen alles ineinandergefallen war, was er nun alles wusste oder wenigstens ahnte. Zwar hatte sein Hirn dabei nicht geknistert, aber er hatte gespürt, wie es sich gestrafft und immer präziser gearbeitet hatte.

Iris Hanika gelingt es auch in diesem Buch wieder, meisterlich Bilder zur Beschreibung heranzuziehen, die man niemals für möglich gehalten hätte: …trug seine gute Laune wie ein Kettenkarussell mit sich herum, er war die Säule in der Mitte. Wenn er eine kleine Bewegung machte, machte das Karussell eine große...

Der Roman handelt von Franz’ und Grazielas Lebensgeschichten, die nur lose miteinander verbunden sind. Mit ihrer brillanten Erzählweise stellt sie beiden eine Reihe von Nebenhandlungen zur Seite, die sie anspruchsvoll in die Haupthandlung einbindet. Ihrem Können entsprechend verwendet sie verschiedene Stilmittel und hat einen wunderbaren Roman geschaffen.

Iris Hanika: Das Eigentliche

  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: Literaturverlag Droschl; Auflage: 1 (29. Januar 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3854207646
  • ISBN-13: 978-3854207641
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,4 x 2,2 cm
  • Preis: 19,00 €



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