Das Stalin- Epigramm

Das Stalin- Epigramm

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Robert Littell, geboren 1935 in Brooklyn, gilt als Meister des amerikanischen Spionageromans. Sein Buch »Die kalte Legende« wurde von der Presse als »einer der besten Agententhriller, die je geschrieben wurden« bezeichnet, und steht ganz in der Tradition von John le Carré. Er erhielt dafür den Deutschen Krimipreis 2007 in der Kategorie »Internationale Krimis«. Bevor er sich dem Schreiben zuwandte, arbeitete der Autor als Newsweek-Korrespondent im Nahen Osten. Er lebt heute in Frankreich.

Das Stalin Epigramm ist die Geschichte des Leidens des russischen Schriftstellers Ossip Mandelstam (1891-1938) während der stalinistischen Säuberungen in den dreißiger Jahren in der UdSSR. Der Dichter schrieb in dieser Zeit ein Epigramm, das sich gegen Stalin richtete. Die Fakten seiner Verhaftungen, Folterungen und Deportierungen nach Sibirien ins Exil bzw. Straflager, ergänzt der Autor um Auskünfte, die er in einer persönlichen Begegnung mit der Witwe Ossip Mandelstams, Nadeschda Mandelstam, 1979 erhalten hat.
Wir begegnen den Schriftstellerkollegen Maxim Gorki und insbesondere Boris Pasternak und Anna Achmatowa, was uns einen Einblick nicht nur in die Lebensumstände in Moskau der dreißiger Jahre verschafft, sondern auch in das der Schriftsteller und Schriftstellerinnen in jener Zeit. Es wird das Martyrium eines jungen Autors in der Lubjanka, dem berüchtigten Moskauer Gefängnis, beschrieben, der wagte, Stalin bei einem Autorentreffen zu widersprechen. Die grausamen Verhörmethoden und die ganze Perfidie des Systems lernen wir aus den Kümmernissen, denen die Gefängnisinsassen ausgesetzt sind. Neben dem jungen Autor und Mandelstam, ein früherer Silbermedaillengewinner im Gewichtheben. Dieser einfältige Mann wird in Verhören dazu gebracht, zu gestehen, er sei Mitglied eines antisowjetischen trotzkistischen Bündnisses mit Sitz in Paris, dessen Mitglieder sich an Eiffelturm-Aufklebern erkennen. Der Gewichtheber hatte von seiner Olympiateilnahme in Paris einen Koffer mit einem solchen Emblem mitgebracht. Dieses Geständnis wäre normalerweise zum Lachen. Aber dem Autor gelingt es, diese Ereignisse so real zu schildern, dass es den Leser schaudern lässt. Die kriminelle Zielgerichtetheit der Verhöre zeigt sich auch, nachdem Mandelstam schließlich die Namen nennt, denen er sein Anti-Stalin-Gedicht vorgetragen hatte. Er hofft damit, weiteren Folterungen entgehen zu können. Aber statt ihn bis zum Prozess in Ruhe zu lassen, wird er nun gefragt, wer ihm den Auftrag zu dem Epigramm gegeben habe, und der Folterknecht Stalins bietet als Antwort gleich an, dass es womöglich Trotzki selbst gewesen sei. Mandelstam wird weiter verhört und sogar zu einer Scheinhinrichtung abgeführt.
Robert Littell schildert die Zustände in Moskau, in der Lubjanka oder in Sibirien knapp und eindrucksvoll. Ohne schwülstigen Ballast kommt er immer auf das wesentliche und gerade das ist es, was die Schilderungen so eindringlich macht. Dabei werden dem Leser auch die Charaktere und die Gefühle der handelnden Personen eindrucksvoll vermittelt. Das Ergebnis ist ein atemberaubender Roman, der von einem verzweifelten Ringen erzählt, vom unerschütterlichen Glauben an die Macht des Wortes, von bedingungsloser Liebe, von Hoffnung und Verrat.
Littell zeigt Stalin als den Schlächter und Mörder, der er war, der aber Wirkung zeigt, als Pasternak, auf Mandelstam bezogen, ihm sagt, ein Dichter würde immer gehört, egal ob er lebe oder tot sei. Das Stalin-Epigramm, 16 Verse, beginnt:
Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört…
Obwohl diese und die nachfolgenden Zeilen normalerweise den Tod bedeuten, wird das Epigramm doch nicht zum Todesurteil für den Dichter. Eine Begegnung Stalins mit Mandelstam, wie im Buch geschildert, ist zwar historisch nicht belegt, aber der Dichter kommt mit einer für damalige Verhältnisse sehr milden vierjährigen Verbannung aus den zwölf größten russischen Städten davon.
Später versucht Mandelstam mit einer “Stalin-Ode”, noch zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Er wird erneut verhaftet und in einem Gulag in der Nähe von Wladiwostok endgültig zum Opfer des stalinistischen Terrors.
Mit diesem Buch, einer Mischung aus Fakten und eigener Dichtung, gelingt Littell eine aufregende, bestürzende und erschütternde Roman-Biografie.
Ein sehr lesenswertes Buch.

  • Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
  • Verlag: Arche Verlag (August 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3716026220
  • ISBN-13: 978-3716026229
  • Originaltitel: The Stalin Epigram
  • Größe: 21 x 13 x 3,8 cm
  • Preis: 22,00 €



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