Hitlers Volksstaat – Die Bilanzen des Terrors

Hitlers Volksstaat – Die Bilanzen des Terrors

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„Hitlers Volksstaat“ von Götz Aly
Die Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung bietet dem geschichtlich interessierten Leser eine Fülle wertvoller und gut recherchierter Informationen quasi zum Nulltarif. Für eine Bereitstellungspauschale von 1 bis 6 € pro Band gibt es geballtes Wissen frei Haus. Stellvertretend wird das Buch Hitlers Voksstaat von Götz Aly, erschienen im Jahre 2005 als Band 487, ISBN 3-89331-607-8, vorgestellt.
Öffentliche Diskussionen über den Unrechtsstaat der Nationalsozialisten fokussieren gemeinhin auf die moralische Verwerflichkeit der seinerzeit inszenierten Gräueltaten. Götz Aly geht einen anderen Weg: Er untersucht die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Zeit und deren Manipulation durch die Nazis und kommt so zu einer anderen Betrachtungsweise. Seine Kernaussagen: „Hitler erkaufte sich die Zustimmung der Deutschen mit opulenten Versorgungsleistungen, verschonte sie von direkten Kriegssteuern, entschädigte Bombenopfer mit dem Hausrat ermordeter Juden, verwandelte Soldaten in „bewaffnete Butterfahrer“ und ließ den Krieg weitgehend von den Völkern Europas bezahlen. Den Deutschen ging es im Zweiten Weltkrieg besser als je zuvor, sie sahen im nationalen Sozialismus die Lebensform der Zukunft – begründet auf Raub, Rassenkrieg und Mord.“
Ausführlich beschreibt der Autor die ausgeklügelten Finanzmarkttechniken, mit deren Hilfe die besetzten Länder kollektiv ausgeplündert wurden, wobei den Landesbewohnern noch der Eindruck vermittelt wurde, die Deutschen seien fair mit ihnen. Das Werkzeug dazu: Die Reichskreditkassenscheine (RKK- Scheine). Schon vor dem Beginn des Angriffskrieges auf Polen wurden diese Scheine auf Vorrat gedruckt. Beim Vorrücken deutscher Truppen in fremde Länder wurden zunächst sie als Zahlungsmittel eingeführt, später dann durch die jeweilige Landeswährung ersetzt. Die RKK- Scheine sahen wie Papiergeld aus, lauteten auf Reichsmark. Nur waren sie in Deutschland als Zahlungsmittel nicht zugelassen. Das landeseigene Geld konnte (zu einem ungünstigen Wechselkurs) in RKK- Scheine umgetauscht werden. Die deutschen Soldaten bezahlten mit ihnen Waren des besetzten Landes, die sie in großen Mengen zur Versorgung ihrer Angehörigen nach Deutschland schickten. Die Banken der eroberten Staaten mussten  die RKK- Scheine in Landeswährung umtauschen und sie dann an die auf Länderebene errichteten Reichskreditkassen weiterleiten – ohne Gegenwert. Also mussten die Notenbanken Landeswährung in großer Menge nachdrucken lassen, was zur Geldentwertung führte. Glaubte der Bauer, der einem Soldaten eine Gans verkaufte, noch an ein redliches Geschäft, führte in Wahrheit das Prinzip der RKK- Scheine zu einer Inflation und damit zum kollektiven Ausrauben des besetzten Landes.

WolfTek: Terror, 2009
WolfTek: "Terror" aus der Serie: "Das schmutzige Zeitalter"

Interessant – auch im Hinblick auf heutige Politik – ist, wie die deutschen Finanzverwalter unterschiedliche Maßstäbe bei der kollektiven Ausplünderung ansetzten. Während Frankreich und die Benelux- Staaten schon bald zum Einkaufsmekka für deutsche Frontsoldaten wurden, sahen sich die Finanzstrategen in Griechenland gezwungen, den Kurs der Drachme durch Goldlieferungen einigermaßen stabil zu halten. Das anfangs noch befreundete Rumänien schaffte es in Verhandlungen ebenfalls, Deutschland zu Goldlieferungen als Kompensation für die Verpflegung der deutschen Truppen zu bewegen. Wie dieses Gold beschafft wurde, ist bekannt: Durch Konfiszierung jüdischen Besitzes in Deutschland und in jedem eroberten Land. Nominell erhielten die enteigneten Juden Staatsschuldverschreibungen, die allerdings nie eingelöst werden könnten, weil mittlerweile die Shoah mit ihrer entsetzlichen Vernichtungsindustrie begonnen hatte.
Das Prinzip deutscher Finanzpolitik war in jener Zeit, die eroberten Länder knapp vor dem endgültigen Ausbluten zu bewahren; denn nur so konnten sie Waren und Rohstoffe für großdeutsche Fantastereien liefern. Lediglich in Russland wurde von Anfang an vernichtet und geplündert – weitgehend ohne die Deckmäntelchen eines Finanzkonstruktes, wie oben beschrieben. Als Zeitzeugen benennt der Autor unter anderem den jungen Heinrich Böll, der in mehreren erhaltenen Briefen über seine Bemühungen, im westlichen Europa Waren zur Versorgung seiner Angehörigen zu ergattern, schreibt.
Mit Fortdauer des Krieges mussten immer weitere Einnahmequellen erschlossen werden. So wurden Zwangsarbeiter ins Land geholt, deren „Lohn“ weitgehend vom Staat vereinnahmt wurde. Die Unternehmer zahlten normale Löhne und auch Steuern darauf, der Staat kassierte alles ein. Die gesamten Einnahmen aus dem besetzen und abhängigen Ausland beziffert Götz Aly auf 131 Milliarden Reichsmark. Rechnet man Verwaltungskosten und Erträge aus Zwangsarbeit hinzu, so kommt man auf die Summe von 168 Milliarden Reichsmark zwischen 1939 und 1945. Damit trugen die eroberten Länder zwei Drittel der Kriegsausgaben des Zweiten Weltkriegs, das Reich nur ein Drittel.

WolfTek: Karren auf dem Gelände des KZ Buchenwald
WolfTek: Karren auf dem Gelände des KZ Buchenwald

Mit diesen und weiteren Maßnahmen schafften es die Nationalsozialisten, dass die deutschen Bürger – anders als im Ersten Weltkrieg – keine materielle Not hatten. Die Soldaten wurden gut entlohnt und konnten bei ihren Einkaufstouren in den besetzten Ländern noch zusätzlich die Familien unterstützen. Die Lohnsteuer und die direkten Steuern wurden auf vergleichsweise niedrigem Niveau gehalten, sodass den Familien genügend Geldmittel zur Verfügung standen. Kriegszuschlag wurde nur auf wenige Produkte wie Tabak, Bier und Schaumwein erhoben. Da das Warenangebot durch den Krieg auch in Deutschland verknappt war, legten die Deutschen ihr Geld – politisch erwünscht und gefördert – auf die hohe Kante. Wurde 1939 noch 1,7 Milliarden Mark auf Sparkonten eingezahlt, waren es 1942 bereits 4,2 Milliarden. (Vom gesparten Geld konnte sich wieder der Staat für die Finanzierung des Krieges bedienen.) Zum Ansehen der Nazis bei der Bevölkerung trug auch bei, dass sie viel in die Bildung investierten: In Nationalpolitischen Erziehungsanstalten und Adolf- Hitler- Schulen erhielten die Kinder eine gute Ausbildung, für die sie – damals ungewöhnlich – kein Schulgeld zahlen mussten.
Ein Prinzip der Nationalsozialisten war das „Leben auf Pump“. Götz Aly schreibt: „Permanente Geldbeschaffung und Geldwäsche mit völkerrechtswidrigen Methoden sind das Mindeste, was Graf Schwerin von Krosigk und seinen Spitzenbeamten zuzurechnen ist. Ebenso ist über die Führungs- und Fachkräfte der Deutschen Reichsbank, der Reichskreditkassen und der Wehrmachtintendaturen zu urteilen. … Nach jedem der anfangs schnell und verlustarm errungenen Siege stellten  sich in der Finanz- und Ernährungsfrage die alten Probleme. … Die Politik der ungedeckten Schecks,  der kurzfristig fälligen Reichsschatzanweisungen und der „schwebenden Reichsschuld“, einer Finanzwirtschaft also, die als betrügerisches Schneeballsystem funktionierte, machte die deutschen Politiker strukturell unfähig, nach Verständigung zu suchen. Die NS- Führer mussten die Expansion vorantreiben. Jedes Innehalten hätte das sofortige Ende ihres Regimes bedeutet.“
Und so wurde weiter erobert – bis zum bitteren Ende. Der britische Offizier Julius Posener hat das Schlusswort in diesem sehr lesenswerten Buch. Er kehrte im April 1945 in seine deutsche Heimat zurück – in das zerstörte Köln. Zuvor war er an der italienischen Front gewesen, „wo im harten Winter 1944/45 die  Neapolitaner zu Hunderten in den Straßen verhungert waren“, die Menschen „bis in die höheren Schichten der Gesellschaft hinein so abgerissen, bleich und hoffnungslos“. In Frankreich hatte der Krieg nicht ganz so verheerend gewirkt. „Aber was war das gegen die Ketten netter, weiß gekleideter Mädels“ in Deutschland, „die vor den Trümmern der Stadt ihren Abendspaziergang machten“. Die Zerstörung der Städte hatte Posener, der im Zivilberuf Bauingenieur war, erwartet, auch wenn das Ausmaß seine Vorstellungen übertraf. Der Anblick der Menschen überraschte ihn: „Die Leute entsprachen der Zerstörung nicht. Sie sahen gut aus, rosig, munter, gepflegt und recht gut gekleidet. Ein ökonomisches System, das von Millionen fremder Hände und mit dem Raube des ganzen Erdteils bis zum Ende aufrechterhalten wurde, zeigte hier seine Ergebnisse.“

Götz Aly: Hitlers Volksstaat

  • Broschiert: 464 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 1., Aufl. (20. Juli 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 359615863X
  • ISBN-13: 978-3596158638
  • Größe: 19 x 12,4 x 3,2 cm
  • Preis: 9,95 €



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