Ein Grab in Gaza

Ein Grab in Gaza

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Kriminalromane haben eine feste Leserschaft. Ist es die Faszination am Überschreiten der Gesellschafts- Regeln durch einzelne Böse, die diesem Genre hohe Auflagen garantiert? Möchte der Leser sich am Sieg des Guten ergötzen? Denn am Ende wird der Mörder stets der gerechten Strafe zugeführt. Oder will man sich an den Finten der Kombinatorik des Ermittlers erfreuen, der auch die undurchsichtigsten Handlungsstränge entwirrt?

Seit einigen Jahren haben Regional- Krimis eine beständige, wachsende Leserschaft. Verbrechen und deren Aufklärung finden nun nicht mehr an anonymen Orten statt, sondern im eigenen, dem Leser bekannten Umfeld: In der Stammkneipe am Wohnort, auf dem Wochenmarkt oder im Rathaus der Heimatstadt. Solcherart konstruierte Geschichten nähern sich dem Leben der Leserschaft sehr intensiv.

Und dann schreibt der britische Autor Matt Beynon Rees einen Kriminalroman mit dem Titel Ein Grab in Gaza. Ort der Handlung ist die Palästinenser- Exklave am Ostrand des Mittelmeers, eingezwängt zwischen Wasser, Israel und Ägypten, einer der dichtbevölkertsten Landstriche der Erde und, wie die täglichen Nachrichten ins Bewusstsein hämmern, ein permanenter Ort von Unruhe, Gewalt und auch Tod. Der Handlungsstrang dieses Buches wäre schnell erzählt, doch will ich dem zukünftigen Leser die Spannung nicht nehmen. Der Held des Buches ist kein schneidiger muskelgestählter Agent, sondern ein ältlicher, vor Anstrengung stets hustender Lehrer aus Bethlehem im Westjordanland – kein professioneller Ermittler, sondern jemand, der zufällig in ein unentwirrbares Netz von Mord und Täuschung gerät – und natürlich am Schluss den Fall bravourös löst.

Was diesen Roman lesenswert macht, ist die Beschreibung der Lebenssituation im Gazastreifen durch einen sehr milieukundigen Außenstehenden. Matt Beynon Rees war lange Bürochef der Time in Jerusalem, für die er auch heute noch schreibt. Er lebt in Jerusalem, spricht hebräisch und arabisch.

Während in den hiesigen Nachrichtensendungen der Handlungsort stets im Zusammenhang mit kriegerischen Handlungen zwischen Gaza- Bewohnern und Israelis erwähnt wird, erscheint der jüdische Nachbarstaat  in diesem Buch nur in Nebensätzen. Gaza wird geschildert als eine Region, deren Bewohner seit über 3000 Jahren nur das Kämpfen gewohnt sind – gegen die Ägypter, die Juden, die Kanaaniter, die Philister, die Engländer – und so fort. Rivalisierende Polizei- und Armeeverbände bekämpfen sich bis aufs Blut, ein Revolutionsrat setzt sich vorgeblich für Frieden ein, während hinterrücks jeder jeden angreift und auszuschalten versucht. Bei der Lektüre gewinnt man den Eindruck, dass nicht Israel der Hauptgegner der Bewohner des Gazastreifens ist, sondern dass der Kampf, der Mord und der Heldentod im Namen Allahs der einzige Lebenszweck ist; sollte es einen – unwahrscheinlichen – Frieden mit dem jüdischen Nachbarn geben, würden die Bewohner von Gaza und Rafah mit Sicherheit in Bälde einen neuen Gegner (er)finden; und bis dieser aufgetan wäre, würden sie sich – so die Quintessenz des Buches – wohl untereinander abschlachten.

Detaillierte Einblicke erhält der Leser in die arabische Welt: Er erfährt, dass ein fünfmaliger Bruderkuss keine Garantie dafür ist, nicht bei nächster Gelegenheit vom Küssenden getötet zu werden. Er wird in den Sprachgebrauch des Orients eingeführt, lernt, dass es stets hinter den wohlklingenden freundlichen Worten noch eine zweite Wahrheit gibt, die den Arabern bewusst ist, aber von westlichen Gesprächspartnern in der Regel nicht verstanden wird. Durch die Erklärungen des Romanautors wird deutlich, wie ein innerarabischen Dialog nach festen Regeln wie in einem Schachspiel  geführt wird; die Diskussionspartner sind stets bemüht, die nächsten verdeckten Züge des Gegners vorauszuahnen und darauf ebenso kryptisch zu reagieren. Dabei kommt es weniger auf den objektiven Wahrheitsgehalt des Gesagten an – das zu erreichende Ziel erlaubt alle rhetorischen Finten. Dass der in dieser Taktik nicht erfahrene Mitteleuropäer oder Amerikaner dabei verlieren wird, ist schnell deutlich.

Ein antiarabisches Buch also? Ganz im Gegenteil! An vielen Stellen spürt man, dass Rees sich zu den Bewohnern seiner Wahlheimat hingezogen fühlt. In liebevollen Details beschreibt er das Leben in einer arabischen Familie, die Lebensgewohnheiten, die Sitten, Gebräuche und Gesetze. Neben den gewalttätigen Gräueln im Gazastreifen wird auch das Leben im universitären Umfeld geschildet; ja, Gaza hat eine Universität! Wenn der Ermittler wider Willen, Omar Jussuf, mit seiner 12- jährigen Enkelin telefoniert und sie ihm stolz berichtet, dass sie dem Großvater eine Homepage eingerichtet hat, begreift man, dass die Palästinenser- Territorien längst den Anschluss an das 21. Jahrhundert geschafft haben.

Fazit

Dieses Buch ist auch und gerade für Nicht- Krimi- Fans lesenswert. Es vermittelt authentische Eindrücke aus einer Region, die trotz beinahe täglicher Erwähnung in den Zeitungen so fern und so unbekannt bleibt. Hat man diesen Roman gelesen, so weiß man, dass der Kampf dort niemals aufhören wird; sollte es einmal nicht mehr gegen die Israelis gehen, wäre ein neuer Gegner schnell gefunden. Und so ist dieses Buch weniger ein Krimi als eine politisch- gesellschaftliche Lektüre.

Matt Beynon Rees: Ein Grab in Gaza

  • Taschenbuch: 368 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (1. März 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453433599
  • ISBN-13: 978-3453433595
  • Originaltitel: A Grave in Gaza
  • Größe: 18,6 x 11,8 x 3 cm
  • Preis: 8,95 €



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