Flughafenfische

Flughafenfische

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Angelika Overath, Dr. phil, wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin, Essayistin. Von ihr sind mehrere Bücher mit Reportagen und Essays erschienen. Nach Nahe Tage (2005) ist Flughafenfische ihr zweiter Roman. Ihre Arbeiten wurden mit verschiedenen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Egon-Erwin-Kisch-Preis für literarische Reportage (1996) und dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann Wettbewerb (2006).

In der Ortlosigkeit eines Flughafens kreuzen sich die Lebenslinien dreier Menschen. Eine müde Magazinfotografin gerät vor dem Riffaquarium der Transithalle in den Schwindel fragmentierter Reisebilder aus Afrika und Asien. Sie findet eine seltsame Nähe zu dem Mann, der hier die stillen Tiere pflegt wie seine Kinder. Während sich zwischen den beiden eine verschwiegene Liebe entwickelt, geht nebenan im Raucherfoyer eine Ehe zu Ende. Variiert werden im Wendekreis der Fische die Muster von Sehnsucht, Einsamkeit und Paarungen.

Soweit der Klappentext des Buches, aber im Buch geht es nicht um eine „verschwiegene Liebe“, die sich entwickelt und auch nicht um das Ende einer Ehe im Raucherfoyer. Dort geht es vielmehr um einen larmoyanten Wissenschaftler, der seine Ehe dem Erfolg geopfert hat, und nun bei Tabak und Whiskey seiner Frau hinterher weint. Das mit der Liebe lässt sich auch nicht so ganz nachvollziehen.

Worum es in dem Buch jedoch geht, sind drei Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen ihre Zeit in einem Flughafengebäude verbringen, in dem sich, ungewöhnlich, ein großes Aquarium befindet. Darum geht es in dem Roman. Wir erfahren, wie schwierig es ist, ein Aquarium mit Leben zu füllen, welche Fische wie und wann eingesetzt werden, welche Vorlieben und Abneigungen sie haben und wie sie leben.

Der Krebs war blind, die Grundel hingegen sah gut… In fragiler Transparenz…, war sie doch sein Sicherheitssystem, mit ihren langen Fühlern blieb sie in Körperkontakt mit seinem Krustenpanzer… Unter ihrer Aufmerksamkeit überlebte er und arbeitete für sie… Sie haben sich über ihre Schwächen gefunden, dachte Tobias. Die Grundel kann nicht buddeln und er sieht keinen Feind. Als Symbiose waren sie sicher.

Die Tiere im Aquarium mit ihrer eigenen für uns fremden Welt und die Menschen, die uns in einer bekannten Welt vorgeführt werden, sind auf magische Weise miteinander verbunden. Als wenn die handelnden Personen selbst in einer Art Aquarium, dem Flughafengebäude leben. Zwei verschiedene Arten in einem ähnlichen Raum. Das zeichnet die Autorin so eindruckvoll wie nebensächlich mit einer Sprache, die man nur noch selten findet. Hier stimmt jeder Satz. Vor allem gibt es nicht zu viel davon. In welcher Kürze und Prägnanz die Autorin beschreibt, wie ein Aquarium dieser Größe eingerichtet werden muss, damit überhaupt Fische in ihm leben können, ist beeindruckend. Andere hätten der Versuchung nicht widerstanden, Seiten um Seiten damit zu füllen, und wären höchstwahrscheinlich für ihre profunden Kenntnisse und ihren Recherchefleiß vom Feuilleton gelobt worden. Das hat Angelika Overath natürlich auch gemacht, fleißig recherchiert. Aber sie hat mehr zu bieten. Beispielsweise Beobachtungen:

Aber nicht die Tochter, sondern der Vater mit der Digitalkamera tat ihm leid. Und er war müde. Müde des dirigierten Enkeljubels. Man hätte ihn mit dem Kleinen alleine lassen sollen. Vielleicht hätte er dann Fische für das Kind fotografiert.

Aber nicht nur an Beobachtungen, sondern auch an Erkenntnissen lässt uns diese großartige Autorin teilhaben: Vermutlich muss man schon an das Leben gewöhnt sein, um sich dem Schlaf hingeben zu können, dachte Tobias. Und manche gewöhnten sich eben nie. Es war ja auch durchaus nicht selbstverständlich, am Leben zu sein. Genau betrachtet war es ein extremer Ausnahmezustand…

Flughafenfische, der Titel ist sehr aussagekräftig, handelt im Wesentlichen von Fischen im Flughafen, und lässt die Menschen, bei aller tiefgehenden Beschreibung ihrer Charaktere, Staffage für die wunderbare, wenn auch begrenzte Unterwasserwelt sein.

Wenn interessieren noch Menschen, wenn andere Wesen etwas Besonderes zu bieten haben?

Er musste aufpassen, dass ihm die Seepferdchen nicht verhungerten. Sie schwebten so träumerisch umher… mit ihrem Seepferdchenlächeln, Scheu, fast so,  als ginge es nicht ums Fressen, sondern nur um eine anmutige Begrüßung. Dass es bei den Seepferdchen die Väter waren, die die mühselige Schwangerschaft auf sich nahmen, hätte man, dachte Tobias, doch erwarten können, dass die männlichen Tiere von den weiblichen umworben würden. Das war aber nicht so. Die Weibchen blieben ganz gelassen, und die Paare fanden sich wie selbstverständlich zusammen.

In den kapitelweise wechselnden Perspektiven der drei handelnden Personen zieht leise und gedämpft die Geschichte vorüber. Ob Fisch, Flugzeug oder Mensch, wir erfahren, was wir eigentlich immer schon wussten, dass alles miteinander verbunden ist.

Hamburg, am 13. Mai 2010

Gino Leineweber

Angelika Overath: Flughafenfische

  • Gebundene Ausgabe: 176 Seiten
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag (18. Mai 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3630873073
  • ISBN-13: 978-3630873077
  • Größe: 22 x 14,2 x 2 cm
  • Preis: 17,95 €



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