Nahverkehr und Nationalsozialismus

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Die Hamburger Hochbahn AG im “Dritten Reich”

Geschichte – dazu gehören Zeittafeln, in denen die Entwicklung der Menschheit oder einzelner Staaten nachzulesen ist. Kriege werden beschrieben und analysiert, wechselnde Herrschaftsverhältnisse aufgezeichnet, der Übergang von einer Staatsform in die andere.

Geschichte – das ist aber auch die exemplarische Darstellung einer Ära anhand der Entwicklung eines Mikrokosmos, mit detaillierter Darstellung der beteiligten Personen und deren Entscheidungen. Der Autor des hier vorgestellten Buches, Christoph Strupp, ist diesen Weg gegangen, als er die Chronik der Hamburger Hochbahn AG ab dem Jahre 1906 bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb.

Mit vielen Faksimiles und historischen Aufnahmen bebildert findet der Leser in diesem Buch unvermittelt exemplarische Darstellungen des Lebens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Einzelschicksale ebenso wie die Behandlung von Bevölkerungsgruppen. Die wirtschaftlichen Ziele der Hochbahn, deren Realisierung oder deren Scheitern aufgrund von Fehleinschätzung oder politischer Vorgabe, der Konkurrenzkampf und die Werbemethoden, später die Ausgrenzung von Juden und Zwangsarbeitern oder in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs die Nutzung von Straßenbahnen als rollende Gemüsestände, Gütertransportmittel oder Schutträumeinheiten – all dies findet sich in der überraschend spannenden Analyse.

Als Zeitzeugen kommen zu Wort die wechselnde Vorstände der Firma, aber auch die einfachen Arbeiter, die in der Betriebszeitschrift charmant unbeholfen reimten, wie der Zugführer Schmidt mit seinem Werbegedicht aus dem Jahre 1935:

  • Betriebsführer und Vertrauensleute
    sind gemeinsam auf unser Wohl bedacht.
    Drum können wir voll Vertrauen heute
    erwählen, die der Führer in Vorschlag gebracht.
  • Drum laßt uns getrost zur Urne schreiten.
    Viel Wert hat es, wenn wir einige sind,
    nur dann sind wir stark, wenn wir nicht streiten,
    nur wer sich einfügt, der auch gewinnt.

Es ist beklemmend zu lesen, wie nach Hitlers Machtergreifung die “Gleichschaltung” durchgesetzt, die KPD ausgeschaltet, später die Beförderung von Juden untersagt, danach aber wieder erlaubt wurde, damit der Mangel an Arbeitskräften in der Frühphase des Weltkriegs nicht noch verstärkt wurde. Anekdotencharakter haben die Beispiele über die Arbeit der Schaffner, das von ‘Arbeit und Pflicht’, weniger dagegen von Respekt vor dem Publikum gekennzeichnet war. Als ‘Fels im Meer’ trotzte man der Brandung kleinlicher Beschwerden, dummer Fragen und Rücksichtslosigkeiten der Fahrgäste und blieb stets höflich und korrekt. Schwierigkeiten begegnete man mit ‘Ruhe, Sachlichkeit und Würde’ und versuchte, ‘unter Menschen Mensch zu sein”. In der Realität aber galt die Devise: ‘Wer glaubt, ein Fahrgast sei ein Lamm, der irrt.’ Der vermeintliche Anstand des uniformierten Fahrpersonals wechselte dann in den Kasernenhofton: Da bekamen aussteigewillige Fahrgäste, die zu langsam reagierten, ein ‘Dann machen Sie doch Ihr Maul auf’ zu hören oder wurden als ‘oller Nieselpriem’ und ‘Dämlack’ beschimpft.

Mit dem Krieg änderte sich dann auch die Stimmung in den Reimen der Angestallten. 1940 formulierte Zugführer Schmidt in der Firmenzeitung:

  • So hält die Hochbahn, frei und frank,
    das Leben Hamburgs mit in Gang.
    Und trägt mit bei zum Siege!
    Und bald befördert sie – s’ist klar
    ‘ne ausgesprochen frohe Schar:
    Heimkehrer aus dem Kriege.

Anhand vieler Dokumente wird schließlich der Untergang “Großdeutschlands” am Beispiel der Beförderungsgesellschaft beschrieben: Die Unfälle durch die Verdunklungspflicht genau so wie der Mangel an Beschäftigten, der Einsatz von Frauen auf ‘Männerposten’ und schließlich der Zusammenbruch.

Gut, dass der Autor hier sein Buch nicht enden lässt. Die Nachkriegszeit mit Entnazifizierung und Wiederaufbau führt den Leser bis in die jüngere Vergangenheit.

Fazit:

Christoph Strupp beschreibt die Geschichte der Hamburger Hochbahn in schwieriger Zeit auf anschauliche Weise. So bekommt der Leser einen Einblick in das Leben der ‘einfachen Leute’ jener Zeit, aber auch in die Entscheidungswege von Wirtschaftsführern. Dieses Buch sollte nicht nur Historikern auf der Suche nach Detailinformationen empfohlen werden, sondern jedem, der sich hinter nüchternen Fakten der Weltgeschichte für die Schicksale der einzelnen Menschen interessiert.

Christoph Strupp
Nahverkehr und Nationalsozialismus

  • Gebundene Ausgabe: 360 Seiten
  • Verlag: Dölling und Galitz Verlag; Auflage: 1., Aufl. (15. Oktober 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3862180069
  • ISBN-13: 978-3862180066
  • Größe: 24,2 x 16,6 x 2,8 cm
  • Preis: 30,00 €


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