Gezeichnete – Menschen vor Gericht

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Kommentierte Gerichtszeichnungen von Christine Böer

Man erkennt sie auf Anhieb wieder, die prominenten Delinquenten, mit Stiften festgehalten von der Zeichnerin Christine Böer während der Gerichtsverhandlungen: Jürgen Schneider und Helmut Kohl, Erich Honecker und Heiner Geißler. Doch die Faszination beim Betrachten und Lesen dieses Buches geht weit über den einer fotografisch exakten Wiedergabe hinaus. Christine Böer analysiert beim schnellen Skizzieren, arbeitet Typisches heraus, fängt die Körpersprache ein und die Interaktion zwischen Angeklagten und ihren Verteidigern oder den staatlichen Vertretern der Rechtsordnung. Oft ergänzt sie die Bildaussage durch handschriftliche Zitate aus dem Prozessverlauf. Diese Bilder lassen einen nicht mehr los!

Jedes Bild wird durch Texte, die den Grund für die Gerichtsverhandlung knapp, aber treffend erläutern und auch den Ausgang des Prozesses nicht verschweigen, begleitet. Frau Böer müht sich ab mit ihren Klienten, versucht, die Person in allen Facetten zu erfassen. In ihrem Porträt eines damals 63- jährigen Rentners aus Hamburg, der wegen der sexuellen Misshandlung von drei Mädchen angeklagt war, beschreibt sie ihre Suche besonders eindrucksvoll: „Selten ist mir das Zeichnen so gegen den Strich gegangen. Beim Eintreten habe ich einen Moment das bleiche Gesicht des Angeklagten und seine dunklen Augen gesehen. Nun klemme ich mich auf die Rippen eines Heizkörpers, um Wangenpartie und Nasenform von R. erraten zu können Etwas Aggressives geht von diesem Beschuldigten aus. Seine kleine, korpulente Gestalt vibriert fast vor Anstrengung, Ruhe zu bewahren. […] Zeichnen heißt Verantwortung übernehmen. Um die Physiognomie dieses Angeklagten fair wiederzugeben, muss ich ihn von vorne sehen. Das bedeutet, ihn im Untersuchungsgefängnis aufzusuchen und Auge in Auge zu Papier zu bringen. Dazu brauche ich das Einverständnis des Richters und des Anwalts. Als beide zustimmen, genehmigt auch der schwierige Angeklagte ein Porträt im Gefängnis.“

Die Schilderung der Porträtsitzung im Untersuchungsgefängnis beschreibt ein Duell. Sie hat angefangen, seine Augen zu zeichnen, als der Angeklagte sie unterbricht: „Das wird falsch!“ Sie weiß sich verbal zu helfen, und schildert dann das Gespräch, das sie während des Zeichnens führen: „Ein intelligenter, aber kein milder Betrachter. In seinen heftig artikulierten Worten schwelt Hysterie, während mich Blicke aus rot umrandeten Augen treffen.“ – „Plötzlich ergreift R. meine Brille und setzt sie auf. ‚Die passt mir. Geben Sie sie mir?‘ Ich erschrecke über so viel Distanzlosigkeit.“ Das dort entstandene Porträt ist eingerahmt von Zitaten des Angeklagten. Die fertige Zeichnung ist quasi ein Psychogramm des Täters, der am Ende für schuldig befunden und zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde.

Als Beispiel für Christine Böers Umgang mit prominenten Angeklagten mag ihr Porträt von Erich Honecker dienen, festgehalten am 3. Dezember 1992 im Kriminalgericht Berlin- Moabit. Sie beschreibt ihn: „Der Überzeugungstäter hat im Gefängnis 26 Seiten auf der Schreibmaschine getippt, die er nun verliest, um sich und seinem System einen würdigen Abgang zu verschaffen. Der ehemalige Staats- und Parteichef der DDR ist ein gedemütigter Machthaber, Sein Staat ist ihm abhanden gekommen.“

Die Zeichnung zeigt einen korrekt gekleideten Mann, der konzentriert in sein Manuskript blickt, während der Richter – eine Etage über dem Angeklagten thronend und größenmäßig dominierend – die Hierarchie in diesem Prozess verdeutlicht.

Seit 30 Jahren sitzt Christine Böer in deutschen Gerichtssälen und hält mit Stift oder Feder Festgehaltene fest. Sie wird immer dann engagiert, wenn der Einsatz von Fotoapparaten verboten ist. Ihre Zeichnungen wurden in allen großen deutschen Zeitungen veröffentlicht und auch im Fernsehen gezeigt. Lassen wir sie wieder selbst zu Wort kommen: „Der Zeichner arbeitet auch mit dem inneren Auge und tastet sich langsam heran. Er braucht keine aufwändigen Geräte. Zeichnung kann weglassen und hervorheben, während das Foto die kleinsten Details mitnimmt. Eine gute Zeichnung macht die Seele sichtbar.“ In ihrem Schlusswort reflektiert sie dann das „Mysterium Mensch“, macht sich Gedanken über Gerechtigkeit und Gier, Macht und Ohnmacht.

Ihre Zeichnungen dringen in der Tat tief in die Seele der Abgebildeten ein, ob sie medienerfahrene Politiker oder verzweifelte Kindesmörderinnen sind. Ein sehr lesens- und betrachtenswertes Buch, das einen nicht nur kurzfristig gefangen nimmt und zu Recht vom Altmeister der politischen Grafik Klaus Staeck im Vorwort gelobt wird.

Christine Böer: Gezeichnete. Menschen vor Gericht.
Gebundene Ausgabe: 96 Seiten
Verlag: Dölling und Galitz Verlag; Auflage: 1 (15. April 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3937904921
ISBN-13: 978-3937904924
Größe: 30,1 x 21,6 x 1,5 cm
Preis: 24,90 €



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