Ist die Bibel richtig übersetzt?

Ist die Bibel richtig übersetzt?

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Es gibt Bücher, die wird man nicht los. Sie kleben, sie kletten, sie fesseln, sie faszinieren, sie entwickeln sich zu ständigen Begleitern, erobern sich Plätze in unserem Zuhause, an dem sie nicht zu übersehen und zu vergessen sind, erobern sich Plätze in unseren Gedanken, aus denen sie nicht zu löschen sind –  solange wir leben.

Ist die Bibel richtig übersetzt?

So erging es mir mit Pinchas Lapide und seinem Werk „Ist die Bibel richtig übersetzt?“ Band 1 und 2, erschienen im Gütersloher Verlagshaus in der Reihe Gütersloher Taschenbücher. Meine beiden Bände weisen erhebliche Gebrauchsspuren auf und wurden in den Jahren 1996 und 1997 aufgelegt, Band 1 da schon in der siebenten Auflage, Band 2 in der zweiten Auflage. Beide Bücher in einem Band gemeinsam aufgelegt, sind seit 2004 im Handel.

Ist die Bibel richtig übersetzt?  Pinchas Lapide war als jüdischer Religionswissenschaftler bis zu seinem Tode 1997 in Frankfurt am Main ein ausgewiesener Kenner der Bibel, ein Kenner ursprünglicher Quellen und der historischen Sprache Jesu. Er kannte sie, seine Gedanken und Aussagen fußen auf fundiertem Wissen.

Lesen wir den Klappentext zu Band 2: „Wie authentisch sind die uns vorliegenden Bibeltexte gegenüber den ursprünglichen Quellen? Müssen Feindbilder und Fehlübersetzungen in deutschen Bibelausgaben als unkorrigierbar gelten? Aus dem Sitz-im-Leben und der jüdischen Muttersprache Jesu fordert Pinchas Lapide zum kritischen Überdenken deutscher Bibelübersetzungen auf und schlägt wesentliche Richtigstellungen vor.“

Lapide wollte versöhnen, versöhnen durch den Text der Bibel nach ihren ursprünglichen Quellen. Der christlich-jüdische Dialog ist maßgeblich auch durch ihn in die Wege geleitet worden. Wie, wenn es gar keine Wurzeln für Feinbilder in der Bibel gäbe? Wie, wenn Jahrhunderte lang Gegensätze aufgestellt und geschürt worden sind auf der Basis von Nichts? Wo sollte Feindschaft  wurzeln, wenn es keine Wurzeln  gibt? Wenn Kartenhäuser von Hass und Gewalt zusammenfielen in der einzigen Erkenntnis: der menschlichen Unzulänglichkeit, ihrer ewigen Entwicklungsnotwendigkeit im kulturellen Prozess über Jahrhunderte hin bis zur Entdeckung des Verstandes als den Religionen gegenüber gleichwertige Quelle für das, was wir für Gut und für Böse halten?

„Feindbilder durch Fehlübersetzungen“, wenn das stimmt, sollte dann nicht ein für allemal ausgeräumt werden können und erledigt sein, was Juden und Christen durch die Jahrhunderte getrennt hat?

Warum also haben mich diese beiden Bücher so fasziniert? Warum sind sie zu Begleitern geworden, die ich nicht vermissen möchte?

Die erste Antwort liegt im Titel. Sollte das wahr sein –  die Bibel könnte falsch übersetzt sein, falsch übersetzt? Wenn das stimmt, wie ist es dann mit den Inhalten? Sind die in Folge auch falsch? Die Bibel und falsche Inhalte? Einer gut christlich sozialisierten Leserin erschien diese Frage fast wie eine Gotteslästerung. Anderseits gab mir damals schon lange die althergebrachte Verkündigung von der Kanzel nichts mehr. Sie verlangte immer wieder, an Fakten zu glauben, an die ich nicht glauben konnte. Sollte hier, in diesem Buch, dafür eine Lösung angeboten werden?

Lapide führt seine Leser zuerst zurück in die Zeit, als die Texte entstanden: mündlich überliefert von phantasiereichen Orientalen und später aufgeschrieben von phantasiereichen Orientalen für ein gleichgesinntes Publikum, eine „erdnahe“ Sprache also, die immer mit der Hellhörigkeit des Gesprächspartners rechnet. Lapide: „Erst viel später wurden sie von abendländischen Theologen kalt gelesen, zerebral ausgelegt und wissenschaftlich entmythologisiert. Dieser drastische Klimawechsel konnte nicht umhin, zu wesentlichen Umdeutungen, Missverständnissen und Sinnverzerrungen zu führen, die weder dem Geist noch dem Wortlaut Der Schrift gerecht werden.“

Wir erfahren in klarer und nie mit Fachchinesisch argumentierenden Sprache etwas über die vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Inspiration umgesetzt in Erzählen, Aufschreiben, Verstehen und schließlich Übersetzen. Wir erfahren etwas über Luthers Ringen beim Übersetzen. Hier muss aus Luthers Brief vom 14. Juni 1528 an Wenzelhaus Link zitiert werden: „ Wir mühen uns jetzt ab, die Propheten zu verdeutschen. Was ist das doch für ein großes, beschwerliches Werk, die hebräischen Erzähler zu zwingen, Deutsch zu reden. Wie sträuben sie sich, da sie ihre hebräische Ausdrucksweise nicht verlassen, und sich dem groben Deutsch nicht anpassen wollen, gleich als ob man eine Nachtigall zwänge, ihren melodischen Gesang aufzugeben und den Kuckuck nachzuahmen, dessen eintönige Stimme sie verabscheut.“ Wir lesen auch mit Erstaunen Luthers Einschätzung derjenigen, die die Bibel einmal lesen und verstehen sollen: „ Man soll auf der Kanzel die Zitzen herausziehen und das Volk mit Milch tränken…die hohen Gedanken (aber) soll man für die Kluglinge privatim halten.“  Lapide dazu: „Kurzum, der Bibelübersetzer Luther war von geradezu verwegener Einseitigkeit…einseitig auch in der theologischen Begründung seiner Übersetzungspraktiken.“

Die Rezensentin ist versucht, an dieser Stelle einfach alles zu zitieren. Gerne auch bleibt sie bei diesem Buch emotional in ihrer Bewertung und möchte keinem ihrer Leser und Leserinnen vormachen,  die richtige Bewertung eines Buches abzugeben –  die gibt es wahrscheinlich genauso wenig, wie die richtige Übersetzung der Bibel.

Wieder ist es die sachlich so überzeugende Art des Autors, die mit einem Bibelzitat hilft, dieses Problem zu beleuchten. Im Neuen Testament, in Markus 9, 32, ist über die Jünger Jesu´ zu lesen: „Sie aber verstanden das Wort nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen.“ Pinchas Lapide antwortet: „ Wenn solches Unverstehen sogar am grünen Holz der Bibel wachsen kann, was muss dann erst an Missverstehen am dürren Holz der Bibelübersetzungen zu befürchten sein!?“

Neugierig machen möchte die Rezensentin  ihre Leser und Leserinnen mit einer von vielen Fragen aus Lapides “Korrekturkatalog” zu Geschichten aus der Bibel, einer von zwei Fragen zur Schöpfungsgeschichte – die andere lautet übrigens:  Wie kam Eva zum Apfel? Hier also die Frage: Stammt Eva aus Adams Rippe?

Lapide schreibt dazu: „ Das hebräische Wort, das hier zur Anwendung findet, kann nur selten „Rippe“ bedeuten und wird in der Regel als „Flanke“ oder „Seite“ übersetzt – z.B. im Zusammenhang mit der Stiftshütte in der Wüste, der Bundeslade und beim Tempel in Jerusalem.

Eine Flanke ist bekanntlich anatomisch unentbehrlich. Den Verlust einer einzelnen Rippe  hingegen hätte Adam leicht verwinden können. Kein Wunder also, dass die Fehlübersetzung der „Rippe“ unvermeidlich zu einer Geringschätzung der Frau in der christlichen Welt führen musste.

Der Tatsache, dass Eva also aus einer Seite Adams erstanden ist, gewinnen die Rabbinen einen tieferen Sinn ab. Hätte Gott der Frau beschieden, über den Mann zu herrschen, so hätte ER sie aus Adams Kopf geschaffen – wie etwa Pallas Athene, die Schutzgöttin der Griechen, aus dem Haupt des Zeus gebildet wurde.

Hätte Er ihr hingegen beschieden, Adams Sklavin zu sein, so hätte er sie aus dessen Füßen gestaltet ( gemäß der Bildhaftigkeit der orientalischen Symbolik).

Er aber nahm sie aus Adams Seite, weil Er sie zu Adams gleichberechtigter Gefährtin bestimmt hat – auf dass sie beide Seite an Seite den Lebensweg beschreiten und vollenden mögen.

In diesem Fall schlage ich dringend vor, eine Übersetzungskorrektur vorzunehmen.“

Ich auch!

Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig übersetzt?

  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Gütersloher Verlagshaus; Auflage: 2 (12. Januar 2004)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3579054600
  • ISBN-13: 978-3579054605
  • Größe und/oder Gewicht: 20,6 x 13,4 x 2,4 cm
  • Preis: 19,95 €

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Ein Gedanke zu „Ist die Bibel richtig übersetzt?

  1. Danke für den sehr interessanten Artikel.
    Meine Meinung dazu: Pincas Lapide ermutigt uns, die Bibel kritisch und mit wachem Verstand zu lesen
    und nicht alles wörtlich zu nehmen.

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