Jenseits von Schanghai

Jenseits von Schanghai

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Eugen Flegler: Chinabilder 1936 bis 1938

Wer die Fotos in diesem soeben erschienenen Bildband mit der futuristischen Skyline des heutigen Shanghai vergleicht, fühlt sich weit mehr als nur drei Generationen in die Vergangenheit versetzt:

Da flanieren Chinesinnen im traditionellen Mantel und zeittypischer Kopfbedeckung über die Straßen, indische Sikhs im Turban regeln den Verkehr, der Liniendampfer Scharnhorst verbindet das damals noch unendlich ferne China mit Europa. Die Silhouette von Hongkong Island lässt die heutigen Stahlbetonriesen genauso wenig erahnen wie ein Blick in den Hafen von Shanghai. Zum Weihnachts- Familienporträt thronen Fotograf und Gattin neben dem lamettageschmückten Weihnachtsbaum, während die Kinder hübsch drapiert neben der Krippe hocken – das Mädchen mit züchtig gesenktem Kopf, der Junge weltoffen in die per Selbstauslöser gesteuerte Kamera blickend.

Eugen Flegler, der alles diese Eindrücke mit seiner Kamera eingefangen hat, nahm Ende der dreißiger Jahre eine Professur für Elektrotechnik an der Tung- Chi- Universität in Schanghai an. Für die damalige Zeit exzellent ausgerüstet mit der ersten Kleinbildkamera der Welt, einer Leica, hielt er als begeisterter Fotograf Alltagsszenen und Reiseimpressionen fest. Die Zeit seines Aufenthaltes in China fällt an die Schnittstelle zwischen dem kolonialen Zeitalter und dem japanisch- chinesischen Krieg, bei dem die Hafenstadt zu großen Teilen zerstört wurde. Eine 2000 Hektar große Internationale Niederlassung wurde von einem britisch- dominierten Stadtrat regiert, aber auch Vertreter Amerikas und Japans waren vertreten. Die Französische Konzession, halb so groß wie das Reich der Briten, wurde von einem Konsul regiert, und dann gab es noch die Chinesische Konzession mit Altstadt, Wohn- und Industriegebieten.

Flegler zeigt in seinen Fotos den Alltag dieser Stadt, die trotz ausländischer Kolonialisierung eindeutig traditionell- chinesisch geprägt war. Kulis, Lastenträger, Nudelverkäufer, Porzellanflicker und Scherenschleifer sind seine Hauptpersonen, Dschunken und Sampans das passende Beiwerk. Man erkennt, dass der Professor keine Berührungsängste mit dem einfachen Volk hatte, ja den Kontakt mit ihm suchte. Wie in der Dokumentarfotografie jener Zeit üblich, fotografierte er mit dem 50 mm- Normalobjektiv; so entsprach der Blickwinkel dem des menschlichen Auges.

Obwohl Eugen Flegler (1897 – 1981) Amateurfotograf war, bestechen seine Schwarz- Weiß- Bilder mit durchdachtem Aufbau und typischen Szenen. Um das Optimum aus seinen Aufnahmen herauszuholen, entwickelte er seine Filme selbst. Und so erinnern einige seiner Bilder an die seiner berühmten Zeitgenossen Andreas Feininger, der unter anderem das New York der hochstrebenden Wolkenkratzer einfing, und Henri Cartier- Bresson, den Nestor der Dokumentarfotografie.

Was den Bildband über China so lesens- und betrachtenwert macht, sind die intimen und persönlichen Einblicke in eine scheinbar unendlich lange zurückliegende Ära. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit dem Konfuzius- Institut Düsseldorf. Die Herausgeber Cord Eberspächer, Nicoline Hake und Stefan Schomann schlagen mit ihren Texten zu Historie und Lebensformen eine elegante Brücke zum Verständnis der Bilder.

Nicoline Hake, Cord Eberspächer, Stefan Schomann: Jenseits von Schanghai – Eugen Flegler: Chinabilder 1936 bis 1938

  • Gebundene Ausgabe: 104 Seiten
  • Verlag: Dölling und Galitz Verlag; Auflage: 1 (18. Juni 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 386218000X
  • ISBN-13: 978-3862180004
  • Preis: 16,90 €


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