Dinge, die wir heute sagen

Dinge, die wir heute sagen

image_pdfRezension als PDFimage_printRezension Drucken

Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte in Greifswald und anschließend am Literaturinstitut in Leipzig.

Bresekow ist ein Dorf in Vorpommern und der Schauplatz des Buches Dinge, die wir heute sagen. Nach dem Tod ihrer Mutter, kommt Tochter Ingrid mit Mann und halbwüchsigem Sohn aus Irland zur Beerdigung. Mit diesem Ereignis lässt Judith Zander nicht nur Tochter Ingrid mit Familie, sondern auch die Familien Ploetz und Wachlowski zu Wort kommen. Sie sprechen über ihr derzeitiges Leben und über Geschichten aus der Vergangenheit. Verborgene Ereignisse kommen ans Licht, und der Leser nimmt teil an einer kleinen separaten Welt. Einer Welt, die sich den Herausforderungen der heutigen Zeit zu stellen hat, und denen von einigen der Verfall ihrer Sitten und der Gemeinschaft angelastet wird. Anderen allerdings dienen sie als Ausweg aus der Enge und dem Einerlei.

Die Mitglieder von drei Generationen erzählen abwechselnd ihre Sicht der Dinge und berichten von den Ereignissen der Vergangenheit. In der Mitte des Buches ahnt man bereits, welches dunkle Geheimnis Ingrid hütet. Das aber tut der Spannung keinen Abbruch, denn das Buch bezieht sie hauptsächlich aus den Charakteren und den Verbindungen der einzelnen handelnden Personen zueinander. Sie bieten soviel interessante Einsichten, dass man bedauert, beim Lesen unterbrochen zu werden. Die sprach- und bildgewaltige Ausdruckskraft der Autorin mag ein Absatz dokumentieren, in dem sich Ingrid über den Spruch ihrer Mutter Gedanken macht, der lautet: „Das Beste ist nicht immer das Bequemste“.

Von da an hast du ihn dir immer wieder vorgesagt, so oft, dass er fast zu deinem eigenen Satz wurde, und du hast gar nicht gemerkt, wie er sich mit den Jahren langsam umgedreht hat, bis du dich nicht mehr weiter an seinem Schwanzende festklammern konntest, bis er dir sein Maul mit den Reihen kleiner spitziger Zähne gezeigt hat und du ihn endlich richtig herum zu lesen glaubtest. „Das Bequemste…“ Aber es stimmte doch nicht. Du kannst ihn jetzt zurückhaben, deinen Satz, Anna Hanske, denn er stimmt hinten und vorne nicht. Aber es sollte mich wundern, wenn du das nicht gewusst hättest. (S. 70)

Die Kapitel des Buches  sind jeweils mit dem Namen der Person überschrieben, die ihre Sicht der Dinge schildern. Man muss am Anfang aufpassen, sich nicht zu verzetteln und aus der Vielzahl persönlicher Betrachtungen kommt man sich wie bei einem Puzzle vor. Aber wie dort, wenn es erst einmal mit dem Zusammensetzen läuft, macht es Spaß aus den einzelnen kleinen Informationen die Geschichte des Buches zu erkennen.

Eine ganz eigene Art und besondere Erzählform ist Judith Zander auch dadurch gelungen, dass sie die erzählenden Personen in ihrer eigenen Sprache sprechen lässt, selbst wenn sie, wie man erfährt, hochdeutsch können.

Die Autorin schafft es, in ihren Berichten aus dem einfachen Leben eines Dorfes Weisheiten zu zaubern, die jeder kennt, die bei ihr aber sprachlich so anschaulich dargestellt werden, dass es ist, als läse man sie das erste Mal:

Niemand will werden wie seine Mutter, schreibt sie beispielsweise: Da kommt es, verbreiteter mütterliche Irrglaube, gar nicht auf die Mutter an. Vielleicht, weil man insgeheim spürt, dass man als Mutter schon von vornherein verloren hat, und zwar gegen die eigenen Kinder, und alle schmähenswerten Eigenschaften nur aus dieser abgeschriebenen Position resultieren, beziehungsweise überhaupt erst zu dieser geführt haben, Eigenschaften, deren Keime man hin und wieder schon in sich selber zu wachsen beginnen fühlt, und die Angst: Am Ende kriegen sie einen. Am Ende wird man noch selber Mutter. Oh beklemmendste aller Zukunftsbilder.

Aber auch die ganz kleinen alltäglichen Störungen weiß sie zu beschreiben:

„Das ist bestimmt deine Freundin!“ sagte Paul, er hatte das Klopfen auch gehört….

Sie ist das übrigens wirklich. Wieso klingelt die nicht wie jeder normale Mensch? Braucht wieder mal ’ne Extrawurst. Ich mach die Tür auf und Romy lächelt,, als wenn sie sich nun gleich entschuldigen will. Ich muss auch lächeln auf einmal, und Paul guckt mit genausonem Lächeln erst Romy an und dann mich und dann wieder Romy.

Jeder Satz gibt die Stimmung oder Gefühlslage präzise wieder. Judith Zander hat einen großartigen Generationsroman geschrieben.

Innerhalb der Grenzen des kleinen Dorfes Breskow gibt es Menschen, die nicht über ihren Schatten springen können und andere, die genau das auszunutzen wissen. Wie im Übrigen in der großen Welt ebenfalls.  Das ist das bemerkenswerte an den Erzählungen, sie passen ins Kleine, aus dem sie stammen, und sind im Großen genauso  anzutreffen. Judith Zander hat die Welt im Detail beschreiben, und in der Geschichte können wir uns alle ein wenig wieder erkennen.

Taschenbuch: 480 Seiten

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. September 2010)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3423247940

ISBN-13: 978-3423247948

Größe und/oder Gewicht: 21 x 13,6 x 4 cm

“Dinge, die wir heute sagen” kaufen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.