Swamplandia

Swamplandia

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Karen Russell wurde 1981 in Miami geboren. Sie studierte an der Northwestern University in Evanston/Illinois Englisch und Spanisch. Ihre Erzählungen sind unter anderem im “New Yorker”, in “Granta” und in “Best American Short Stories” 2007 erschienen. Swamplandia! ist ihr erster Roman.

Swamplandia!, was für ein Name. Mit dem Teil Swamp, Sumpf, sind wir auf der Spur in die Sümpfe von Florida, in denen Swamplandia liegt, ein Vergnügungspark mit einer Alligatorenshow. Das Buch handelt von der Familie Bigtree, die diesen Park betreibt, von Alligatoren, mit denen sie Ringkämpfe veranstaltet, von einem Vogelmenschen, einem ausrangierten Bagger und deren Geistern sowie von Glück und Leid. Vom letzteren mehr, denn so kann das Leben sein. Das heißt aber nicht, dass es ein trauriges oder depressives Buch ist, obwohl ich mir einige Ereignisse und Entwicklungen anders gewünscht hätte. Ava, die dreizehnjährige Protagonistin, jüngstes Kind der Familie, träumt davon in die Fußstapfen ihrer verstorbenen Mutter zu treten, die der große Star der Show war. Ihr Tod führt über die Trauer für einen geliebten Menschen hinaus, denn mit ihr ist der Star der Show verloren gegangen, und die Besucher bleiben fern.

Der Vater und der älteste Bruder begeben sich, um Geld zu verdienen, auf das Festland. Die beiden minderjährigen Schwestern Osceola und Ava bleiben zurück.

Es ist ein skurriles Buch. Neben dem, was aus der Erzählung als normal durchscheint, was im Leben passieren kann, gibt es Ereignisse, bei denen nicht klar ist, ob sie so hätten geschehen können, mit all den Naturgesetzen um uns herum. Ava die Hauptfigur ist naiv, wie ihre Geschwister, was kein Wunder ist, denn sie verbrachte ihr ganzes Leben in den Sümpfen, und andere Menschen lernte sie nur als Besucher ihres Parks kennen. Ihre Naivität führt zu Handlungen und Begebenheiten, von denen nicht klar ist, wie sie geschehen können. In ihrer Naivität wird sie aber noch von ihrem älteren Bruder übertroffen, der sich jedoch auf phantastische Weise daraus erfolgreich erhebt.

Ava wünscht sich, wie gesagt, nichts sehnlicher als der Mutter zu folgen,  deren Aufgabe im Ferienpark es war, ins Wasser zu springen, und mit den Alligatoren zu raufen. Bereits hier muss sich der Leser fragen, ob das ernst gemeint ist. Aber es ist. „Kämpfe“ mit Alligatoren (oder Krokodilen) gehören zum Ritual solcher Camps auf der ganzen Welt. Die Probleme nach dem Tod der Mutter hätten ohnehin alle Aufmerksamkeit verdient, werden für Ava aber gesteigert, als Osceola spiritistische Neigungen entwickelt, sich in einen Geist verliebt und verschwindet, um ihn zu „heiraten“. Ava begibt sich auf die Suche nach ihr, und diese Suche macht uns staunen. In den Passagen, in denen Karen Russel in eine anscheinend andere Welt flieht, erinnert sie sehr an Gabriel Garcia Marquez’ Erzählungen aus seinen  Buch Hundert Jahre Einsamkeit. Russel ist indes nicht Marquez, wer wäre das schon. Aber ihr Schreibstil ist bemerkenswert, ihre Beobachtungsgabe und Phantasie lässt sie Charaktere entwickeln, deren Tiefe in heutiger Belletristik eher selten anzutreffen ist. Dort wird auf Charakterbeschreibungen weitgehend verzichtet, stattdessen mit äußeren Darstellungen Informationsbedürfnisse im Leser geweckt, bei denen Seele und Gefühl nur stören würden. Karen Russel dagegen gelingt beides. Wir erfahren in ihrem Buch eine Menge über Florida. Beispielsweise über das Mischvolk der Seminolen, das sich dort im 18. Jahrhundert ansiedelte oder über den Melaleucabaum, der, aus Australien importiert, das Ökosystem der Everglades zerstört.

Die Autorin ist eine begnadete Fabuliererin, und somit eine Frau, die Geschichten erfinden und erzählen kann und das Grundhandwerk eines guten Romans beherrscht. Der Verlag bewirbt sie als eine von zwanzig vom NEW YORKER gekürte „beste Schriftstellerin unter Vierzig“. Diesen blödsinnigen Titel hat die Autorin nicht nötig. Sie hat einen hervorragenden Roman geschrieben.

Dem Verlag scheint sich dieses Juwel allerdings nicht ganz erschlossen zu haben, hebt er das Buch doch mit seinem Klappentext auf eine Art von Abenteuerroman. Das, obwohl spannend geschrieben, ist es nicht. Wenn es heißt, Ava kämpfe um ihre Familie und würde sich dabei als wahre Heldin entpuppen, entspricht das nicht dem Inhalt des Romans, und bestätigt meine Einstellung, dass es besser sei, Klappentexte erst zu lesen, wenn man das Buch durch hat.

Die Rettungsmedaille gebührt, wenn überhaupt, dem Bruder Kiwi, der sich auf das Festland begeben hat, um Geld für die Familie zu verdienen. Ava dagegen will ihre Schwester retten. Was sie tut, ist ehrenwert, entspricht ihrem Charakter, aber es ist auch dumm und naiv. Sie handelt als dreizehnjähriges Mädchen, dem niemand Grenzen setzt. Die Beschreibung der Seele des Mädchens, ihrer Sehnsüchte, Ängste und Erwartungen ist das Besondere an ihrer Figur. Die Kunst der Autorin ist es, dies alles so aufzuschreiben, dass man glücklich ist, diesen Roman gelesen zu haben.

Das Buch erscheint in einem sehr handlichen Format und ist schön gebunden und gestaltet, wenn man von dem aufgerissenen Maul eines Alligators auf dem Schutzumschlag absieht. Aber das ist wohl der „Heldin“ geschuldet.

Karen Russel
Swamplandia

  • Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
  • Verlag: Kein & Aber; Auflage: 1 (30. März 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3036955143
  • ISBN-13: 978-3036955148
  • Größe: 19,1 x 12,6 x 3,3 cm
  • Preis: 22,90 €


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