Knochenarbeit

Knochenarbeit

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Frank Hertel wurde 1971 in Bamberg geboren, studierte Soziologie, Pädagogik und Religionswissenschaften in Bayreuth, Freiburg, Münster und Würzburg.
Er lebt seit 2004 mit seiner Familie in Neuötting.

Sozial zu sein ist gut, immer, uneingeschränkt, und deswegen, so sagt es der Autor in seinem Buch, sei auch er so gewesen. Wer will nicht gut sein? Er hat sogar Soziologie studiert. Jetzt legt er ein Buch vor, das die Arbeitswelt der Unterschicht, neuerdings Prekariat genannt, beschreibt, und die „schrecklichen Bedingungen…, grauenhafte Ausbeutung, Krankheit, Stumpfsinn, Gewalt“. Das alles hat er zwar erlebt, dennoch passen, wie er schreibt, seine Antworten nicht ins Schema und er sagt auch er sei nicht Günter Walraff, bei dem „alles sonnenklar“ ist.
Frank Hertel schildert ebenfalls „drastische Zustände“, aber er akzeptiert sie. Er akzeptiert, dass die Menschen nicht lächeln, nicht glücklich und gesund sind, nicht fröhlich, heiter und gut gelaunt. Er nennt es das Medienbild, das wir „in unseren Köpfen tragen“. Und er beschreibt unser Dilemma: „Wir wissen genau. So müssen wir sein. Und gleichzeitig wissen wir: so sind wir nicht“.
Der Autor beschreibt einen Kosmos, wie es ihn überall in Deutschland gibt. Im Klappentext zum Buch wird er beschrieben, als „eine Welt mit riesigen Hallen, wo Arbeiter für einen Hungerlohn versuchen, mit dem Tempo des Fließbands mitzuhalten, wo sie schwere Karren mit Paletten ziehen, wo es kalt ist und feucht und wo sich der Chef als Diktator aufspielt“. Frank Hertel, so heißt es weiter, kennt diese Welt, denn er arbeitet dort.
Das stimmt nicht ganz, denn er hat dieses Buch geschrieben und deswegen müsste es heißen, er habe dort gearbeitet. Dort. Neun Monate. In einer Fabrik, in der Backwaren hergestellt werden. Diese Fabrik steht, so der Autor, für viele andere, und dort geht es genauso zu: “Wo früher drei Menschen gearbeitet haben, steht heute noch ein halber und muss doppelt so viel machen.“
Im Buch beschreibt der Autor seine Erlebnisse und die seiner Kolleginnen und Kollegen. Das zu lesen ist teilweise erschütternd, und ein Aspekt, der zur Empfehlung dieses Buches führt, besteht darin, dass man es nun auch selbst weiß. Geahnt hatte man so etwas schon, aber doch lieber nicht weiter darüber nachgedacht. Frank Hertel hat das getan und ein anregendes Buch darüber geschrieben.
Die etwas gleichgültig wirkende, durchaus nicht humorlose, Diktion wird durch Sätze intensiver Klarheit aufgehoben, die zum Nachdenken anregen. Allerdings wirkt diese Diktion nach der Hälfte etwas ermüdend. Das Buch nimmt dann allerdings wieder Fahrt auf, weil sich die Schilderungen vom Alltag in der Fabrik lösen und der Autor in einem Parcours über Sozialromantik Dinge sagt, die teilweise wie sogenannte Stammtischparolen klingen. Aber, auch wenn sie sich so anhören, Frank Hertel kann sie begründen.
Er vertritt aber auch die Auffassung, und man wundert sich, wieso sie nicht genauso öffentlich diskutiert wurde, wie es sich bei anderen Autoren abgespielt hat. „Glück ist, wenn Talent Gelegenheit findet und Bildung genutzt werden kann. Wenn man jahrelang studiert, um dann Weißbier einzuschenken, hat man Pech. Aber dagegen kann man etwas tun. Es ist kein unentrinnbares Schicksal. Man kann immer und überall entrinnen“.
Wer an solcher Auffassung bereits Anstoß nehmen sollte, dem sei das Buch nicht empfohlen. Denn in der Tat wundert man sich darüber, dass ein Mann der Soziologie studiert hat, der als Leiharbeiter, Christbaumverkäufer, Regalauffüller, Möbelpacker, um nur einiges zu nennen, „auf dem Sozialismus so herumhackt“, wie Frank Hertel es tut: „Mir ist die Freiheit lieber als die Gleichheit, und zur Freiheit gehört Ungleichheit.“
Bei einigen seiner Äußerungen möchte man nachfragen, möchte sich nicht einfach von seiner Direktheit überrumpeln lassen. Ebenfalls möchte man untersuchen, warum manche seiner Schlussfolgerungen unterschiedlich sind. Jemanden, der Soziologie studiert hat, sollte das nicht passieren. Andererseits entsprechen seine Schlussfolgerungen durchaus philosophischen Ansätzen über ein glückseliges Leben, wie beispielsweise Seneca es beschreibt, nämlich die Tugend anstreben und das Glück im Innen suchen. Da kommt es dann nicht darauf an, ob man nur 8,10 Euro in der Stunde verdient, wie Hertel und die Kollegen in der Fabrik, oder 810, wie einige Berater oder Anwälte oder gar noch mehr. Zu den Widersprüchen gehört, dass er einen Unterschied zum Hartz IV Empfänger macht.
Weil es gerade vor kurzer Zeit ein großes Medienecho über die Thesen Thilo Sarrazins gegeben hat, der davon sprach, dass Deutschland sich abschaffe, so ist ähnliches auch bei Frank Hertel zu finden. Nur anders begründet und literarisch besser beschrieben: „…Es wird wohl weiter gegrummelt und gejammert und hinter vorgehaltener Hand geschimpft. Das Klima der Weinerlichkeit wird anhalten. Die guten Deutschen werden ihr Glück im Ausland suchen. Der zurückgebliebene Rest klammert sich ängstlich an die Vergangenheit und lässt sich solange von der Politik den Bauch pinseln, bis die Chinesen kommen. Und dann geht die Post ab.“

Frank Hertel: Knochenarbeit

  • Broschiert: 208 Seiten
  • Verlag: Hanser (6. September 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446235795
  • ISBN-13: 978-3446235793
  • Größe und/oder Gewicht: 20,4 x 12,4 x 2 cm
  • Preis: 14,90 €


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