Onkel J: Heimatkunde

Onkel J: Heimatkunde

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Andreas Maier wurde 1967 in Bad Nauheim geboren. Er studierte in Frankfurt am Main und lebte wechselweise in der Wetterau und in Südtirol. Heute wohnt er in Frankfurt am Main.

Beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2000 wurde Andreas Maier mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet. Für sein literarisches Debüt Wäldchestag wurde ihm der Literaturförderpreis 2000 der Jürgen Ponto-Stiftung verliehen. Im Herbst 2000 erhielt er den ZDF-»aspekte«-Literaturpreis, 2003 den Clemens-Brentano-Preis und den ersten Mindener Candide-Preis. 2006 war Andreas Maier ein Jahr zu Gast in der Villa Massimo in Rom. Im selben Jahr hielt er die Frankfurter Poetikvorlesung. Maiers Werke liegen in zahlreichen Übersetzungen vor. Er ist ständiger Kolumnist der Wiener Zeitschrift Volltext.

Aus dieser Zeitschrift stammen die Beiträge, die er zu dem Band Onkel J. Heimatkunde zusammengefasst hat. Andreas Maier kommt aus der Wetterau, weswegen es in vielen Geschichten auch um diese Gegend geht, die keiner kennt und die es schon nicht mehr gibt. Das jedenfalls ist der Eindruck den ich beim Lesen gewonnen hatte. Auch den Autor gibt es nicht mehr. Er ist wie Onkel J. geworden, in dessen Haus er auch lebt, nur dass er noch nicht so stinkt, was nämlich das unangenehme Markenzeichen von Onkel J. war. Der Autor ist aber auch gereist. Vorzugsweise nach Berlin. So erfahren wir neben der Wetterau auch noch etwas aus Berlin. In beiden Fällen hauptsächlich aus Kneipen.

Andreas Maier gibt sich bedenklich und unbeteiligt. So unglaublich unbeteiligt, dass er müde wirkt und es schon deshalb nicht darauf ankommt, von was er schreibt. Er guckt sich alles an und schreibt es auf. Letztlich ist das egal, weil, was er beschreibt, entweder schon weg ist, bald weg sein wird oder es anders ist als was auch immer es vorher war. Viel Raum gibt er Kneipenbesuchen, denkt an die Gelegenheiten, bei denen er ausgiebig getrunken hat oder an seine Jugend die es nicht mehr gibt. Wie die Gegend über die er schreibt, obwohl er sich immer noch in ihr aufzuhalten scheint.  In Kolumnen ist das womöglich ganz lustig. Ich frage mich nur, warum man aus diesen Kolumnen ein Buch gemacht hat.

Am Anfang stört das nicht, dieser unbeteiligt kokette Ton, und die Beschreibungen wirken noch interessant. Wie die Wetterau unter Umgehungstrassen verschwindet, was Onkel J. und andere Verwandte getan haben, als es sie noch gab und wie der Autor ganz losgelöst von allen eigenen Interessen über die Flure des Suhrkamp Verlags ging. Alles ganz von oben herab, aber irgendwann wird das langweilig. Spätestens ab Seite 50 wurde ich dann genauso müde wie der Autor es bei der Niederschrift seiner Gedanken gewesen sein muss. Ich fand es sei genug, die unbeteiligt wirkenden Schilderungen über Dinge, die es nicht mehr oder zumindest so nicht mehr gibt, weiterhin zu verfolgen. Der völlig losgelöste, kokette Erzählton deckt alles zu, belegt jede Schilderung, die für sich interessant sein könnte, mit Mehltau. Wie diese Passage:

Bis zum Schluss fuhren meine Eltern stets nach Gedern zu ihm. Nichts ist von ihm übrig, und ich bin doch erst zweiundvierzig. Die kleine Gasse, die von der Augustinerschule am alten Landratsamt vorbei zur Kaiserstraße führte… weg. Unser Weg nach Ockstadt zum Kirschberg, das ganze Feld, weg, da ist jetzt die Ortsumgehung. Kein Telefonhäuschen mehr, kaum noch ein Briefkasten. Die Fachwerkhäuser in der Altstadt sind fast schon wie aus einem anderen Universum, es gibt sie noch, aber jeder weiß, irgendwann müssen sie weg.

Und so weiter. Wie gesagt, für sich ganz schön, und jede Woche als Kolumne in der Zeitung, mag man das, zur Frühstücksmarmelade, ganz nett finden. Aber als Buch?

Man muss schon so verzweifelt sein, wie ein anderer Rezensent, wenn man erwähnenswert findet: „die Texte fügen sich zu einem geschlossenen Bild.“, und lobt: „wegen des Stimmenwirrwarrs seiner Romane“, was dazu führt, dass man nun wisse woher die erfundene Welt seiner Bücher kommt.

Wer das aber nicht wissen will, dem bleibt nicht viel.

Selbst einzelne schöne Passagen, können den Gesamteindruck nicht ändern. Eine möchte ich dem Leser nicht vorenthalten: Am Telefon erzählt P., wie er in Lettland… „Kaffee auf schwedische Art“ getrunken hatte. Kaffee auf die schwedische Art besteht darin, einen Rubel in eine Kaffeetasse zu werfen, so lange Kaffee draufzuschütten, bis man den Rubel nicht mehr sieht, dann anschließend so lange Wodka draufzuschütten, bis man den Rubel wieder sieht (geht auch mit Euro).

So hat das Buch durchaus seine humorvollen Stellen und die Diktion regt zum Schmunzeln an. Wenn der Autor nur nicht so unglaublich unbeteiligt wäre. Man wagt als Leser nicht darüber nachzudenken.

Über das Buch eine Rezension zu schreiben ist jedenfalls ein großes Wagnis, egal ob sie nun positiv oder negativ ausfällt. Andreas Maier ist einfach zu überlegen, zu unbeteiligt und zu müde. Womöglich ist er schon weg. Wie die Wetterau, die in seinen Augen so uninteressant ist wie in meinen Augen das Buch.

Andreas Maier: Onkel J: Heimaktunde

  • Gebundene Ausgabe: 131 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (15. März 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518421344
  • ISBN-13: 978-3518421345
  • Größe: 20,2 x 12,8 x 1,8 cm
  • Preis: 17,80 €



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