Solar

Solar

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Ian McEwan, geboren 1948, lebt in London. Seine ersten Erzählungen wurden 1976 mit dem Somerset-Maugham-Award ausgezeichnet. 1998 erhielt er den Booker Prize, im Jahr darauf den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Der Roman Abbitte erhielt nicht nur amerikanische und britische Preise, sondern wurde 2004 als Bester Europäischer Roman ausgezeichnet.

Solar beginnt: „Er gehörte zu jener Sorte Mann … die auf gewisse schöne Frauen erstaunlich anziehend wirkt. Jedenfalls wiegte er sich in dem Glauben, und der war bisher nicht erschüttert worden. Zugute kam ihm dabei, dass manche Frauen ihn für ein Genie hielten, das man retten musste.“

Wirkt er „erstaunlich anziehend“ oder er glaubt er das nur? Verwirrend. Auch weil der Leser nicht erkennen kann, wobei dem Mann etwas zugute kommt, abgesehen davon, dass mir bisher nicht bekannt war, warum ein Genie per se gerettet werden müsse.

Das mag spitzfindig sein. Hält man sich indes an die These, im Roman sei wichtig, der erste Satz, der erste Absatz, die erste Seite, dann hat Ian McEwan es verdorben.

Es geht um Michael Beard, zu Beginn 53 Jahre alt, der als junger Mann den Nobelpreis für Physik gewonnen hat, und heute von dieser Reputation lebt. Allerdings ist er unzufrieden, wie man so sein kann, wenn der Höhepunkt des Lebens in frühen Jahren eingetreten und man nicht intelligent genug ist, damit umzugehen.

Im Klappentext heißt es u. a. „Ian McEwans Roman ist eine ebenso gnadenlose wie vielschichtige Abrechnung mit der Politik, dem Wissenschaftsbetrieb – und einer Sorte Mann. Ein Buch, das den Faktor Mensch auf literarisch neue Art und Weise in die Klimarechnung einführt.“

Nichts davon stimmt. Wenn man vom „Faktor Mensch“ und einer „literarisch neuen Art und Weise“ spricht, dann ist das genauso oberflächlich wie der Roman.

McEwan geht nicht auf seine Charaktere ein. Er bringt einen Roman mit seinem flüssigen Schreibstil zu Ende, dessen Nebenhandlungen (Reise an den Pol, Zugfahrt mit Chipstüte,) zwar sehr schön zu lesen sind, aber mit der Haupthandlung wenig zu tun haben. Es ist sogar nicht übertrieben, zu sagen, der Handlung fehle insgesamt jede Kausalität. Wenn McEwan die losen Enden am Schluss zusammenführt, bleibt die Frage, wenn man das Warum gutwillig beantwortet hat, warum jetzt? Die Antwort kann nur lauten, damit es zu Ende ist.

Iwan McEwan kommt nie zum Thema. Dem Beginn, mit einer gescheiterten Ehe, seiner fünften, folgen Jahre später die Beschreibung einer weiteren Beziehung um dann noch später dieser Beziehung eine weitere hinzuzufügen. Das verbindet sich nur insofern, als es sich um ein und denselben Mann handelt. Im beruflichen Bereich geht es an den Nordpol, zwischendurch ereilt ihn der Bann von Feministen, bis er, mit gestohlenen Patenten zum Unternehmer der Solarindustrie wird. Das hat ebenfalls nichts miteinander zu tun. Die Passagen über den Klimawandel (oder Klimarechnung, wie der Verlag es nennt) bedurften sicher der Recherche, sind aber nicht neu. McEwan erzählt ein paar schöne Geschichten, schreibt das Wort Roman darüber und wenn man, wie er, gut erzählen kann, dazu noch einen Namen hat und ein wichtig-bedenkliches Thema aufgreift, ist die Sache geritzt.

„Waren Ehen, seine Ehen nicht Gezeiten ähnlich? Während die eine verebbte, rollte schon die nächste heran?“ Dieser Satz und die damit verbundene Diktion würden einem unbekannten Schriftsteller kaum durchgehen. Gezeiten können weder verebben noch heranrollen, oder? Es müsste heißen, wie Ebbe und Flut, Ehen waren wie Ebbe und Flut, statt Gezeiten.

An Stilblüten fehlt es auch nicht. Ein paar Beispiele: „Blühender Weißdorn auf dem Mittelstreifen verschwendete seinen Duft an die vorbeifahrenden Autos… Nach zwei drei Gläsern Weißwein ging der Rote problemlos runter wie Wasser… Dieselbe vernunftbegabte Instanz riet ihm, sich das sorgfältig zu überlegen… Diese riesigen Wunden aus Beton, bandagiert mit Stahl, versorgt mit Kathedern, die für Zu- und Abfluss endloser Autoströme sorgten… Er nahm ein Glas Chablis zur inneren Reinigung, während sich Krawatten mit Gesichtern darüber um ihn drehten.“

Wen das nicht stört, der kann, wenn er beispielsweise für eine Woche an den Strand nach Fuerteventura fährt, und nichts weiter tun möchte, als sich zu entspannen, das Buch gern kaufen und lesen. An einem Winterabend, auf der Couch, bei einem Glas Rotwein, kann es nicht mithalten. Ich möchte eine 46 Seiten lange Schilderung über die besagte Nordpolreise  nur lesen, wenn ich mich für den Nordpol interessiere oder wenn die Ereignisse dort, wie auch immer, einen Zusammenhang mit der vorherigen oder späteren Handlung haben. Was Michael Beard nach der Heimkehr zu Hause erlebt, setzt zwar eine mehrtägige Abwesenheit und unangekündigte Heimkehr voraus, aber dazu bedarf es keines Reiseberichts. Die Schilderung auf sieben Seiten über eine Bahnfahrt mit den Erlebnissen um eine Chipstüte führt auch zu nichts.

Muss man da so kleinlich sein, könnte man sagen, zumal der Autor doch gut erzählen kann, beispielsweise, wie Michael Beard um seinen Penis bangt, nachdem er in klirrender Kälte pinkeln musste. Ja, man könnte sagen, lass ihn doch, wenn, und deswegen sehe ich es ihm nicht nach, den handelnden Personen nicht der Charakter fehlte. Auf den 400 Seiten des Romans wäre dann Platz genug dafür gewesen, sich mit den Menschen zu beschäftigen. Nicht nur oberflächlich, sondern ihre Gefühlswelt auszuleuchten. Es wäre schön gewesen, hätte der Autor uns am Innenleben seiner Personen teilhaben lassen.

Alles was man nach der Lektüre über das Buch sagen kann, ist, und das würde besser in den Klappentext passen: Ian McEwans Roman schildert eine bestimmte Sorte Wissenschaftler, dem Essen, Alkohol und Sex wichtiger sind als Familie, Liebe und Arbeit oder seine Forschungen. Einen Mann, dessen Kopf ein Tummelplatz für Gelüste und Träumereien ist.

Aber, will man so etwas lesen?

Ian McEwan
Solar

  • Gebundene Ausgabe: 405 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: Deutsche Erstausgabe. (28. September 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257067658
  • ISBN-13: 978-3257067651
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12,4 x 2,6 cm
  • Preis: 21,90 Euro


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