Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker

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Die Lebensgeschichte des Ernesto Che Guevara

Wenn jemand zweimal in seinem Leben die Biographie desselben Mannes schreibt, so kann man sicher sein, dass der Beschriebene noch im aktuellen Kontext der Geschichte präsent ist, sich in der größeren zeitlichen Distanz des zweiten Buches aber manche Dinge anders darstellen. Frederick Hetmann (1934-2006) hat im Jahre 1972, also in großer Nähe zum Leben des südamerikanischen Kämpfers und zur Zeit der 68er, zum ersten Mal den Versuch einer Würdigung des Argentiniers unternommen, den es nach abgeschlossenem Medizinstudium auf ausgedehnten Reisen bis nach Mexiko verschlug, wo er Fidel Castro kennenlernte und mit ihm die Revolution in Kuba erkämpfte. Dafür hat er den Jugendbuchpreis erhalten.

Der Lebensweg von Che Guevara wird von der Kindheit an skizziert: Wie er von klein auf die Sitten und Gebräuche des argentinischen oberen Bürgertums, dem seine Eltern entstammten, wenig gab und lieber mit den Parias der Straße als mit den wohlgekleideten Sprossen des Establishments spielte; wie das Asthma, an dem er seit Kindheit litt, Trotzreaktionen nach dem Muster “Jetzt erst recht!” provozierte. In der Studienzeit lebte er dann erstmals seine Reiselust aus, als er auf einem Fahrrad mit Hilfsmotor 4000 km durch Argentinien reiste. Später bereiste er dann – teilweise in Begleitung eines Freundes – ganz Lateinamerika, nicht ohne zwischendurch sein medizinisches Examen zu bestehen. Als Schlüsselmoment für die Wandlung zum Revolutionär wird sein Aufenthalt in Guatemala beschrieben, wo er miterlebt, wie die Regierung von Jacobo Arbenz Guzman auf Initiative und mit tatkräftiger Mitwirkung des amerikanischen Geheimdienstes CIA beseitigt wird; den USA war es ein doch zu arger Dorn im Auge, dass Arbenz Großbesitz der American Fruit Company, um das Land von den Einheimischen bewirtschaften zu lassen.

Ausführlich geht Hetmann auf den Befreiungskampf in Kuba ein, der schließlich 1959 Castro zum Ministerpräsidenten und Guevara erst zum Chefankläger gegen die Verantwortlichen des Batista- Regimes und dann zum Finanzminister macht, der selbst vor der UNO redet. Guevara schreibt Bücher wie sein Hauptwerk La guerra guerillas im Jahre 1960, verhandelt mit dem freundlichen wie dem feindlich gesinnten Ausland. Doch wieder zieht es ihn hinaus. Erst geht er nach Afrika – nach Tansania und Belgisch- Kongo (heute Zaire), dann nach Bolivien. Auf beiden Kontinenten versucht er, die Guerillataktik, die in Kuba so erfolgreich war, zum Umsturz einzusetzen, und auf beiden Kontinenten scheitert er. 1967 wird er in Bolivien von Soldaten der Armee gestellt; am 9. Oktober wird er ohne Gerichtsverfahren erschossen.

Was macht dieses Buch lesenswert?

Zum einen gewährt es intensive Einblicke in das Wirtschaftsverhalten und die Politik der Vereinigten Staaten, die Lateinamerika als Rohstoffquelle – oder im Falle von Kuba als Vergnügungsinsel mit Glücksspielen, Mafia und Prostitution  – nutzten. Waren die wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten in Gefahr, konnte der Geheimdienst schnell die eine oder andere Revolution anzetteln – erfolgreich, versteht sich. Die Regierungen der lateinamerikanischen Staaten werden als Vasallen des Großen Bruders im Norden beschrieben. Jeder Versuch, die Einnahmequellen zu beschneiden, wurde mit äußerster Gewalt erstickt.

Dann vermittelt Hetmann detaillierte Einblicke in das Leben in Südamerika und die Lebensgeschichte des Revolutionärs, der auch im Deutschland der 68er Zeit zur Kultfigur wurde. Guevara wird von ihm als Kämpfer beschrieben – zuallererst als Kämpfer gegen sich selbst, gegen seine chronische Krankheit. Reichliche Zitate aus seinem Umfeld, aber auch seinen eigenen Schriften und seiner Lyrik, runden das Bild ab. Che erscheint als kompromissloser Revolutionär, hart gegen sich wie andere.

Wie unterscheiden sich beide Biographien?

Vor allem in der Chronik der Zeit nach Kuba. 1972 lag vieles über diese Zeit im Dunkeln der Geschichte; die T- Shirts der Studenten zeigten das auch heute noch beliebte Scherenschnitt- Porträt von Guevara mit ernstem, entschlossenen Blick, wehenden Haaren und Vollbart. Fotos in der aktuellen Biographie zeigen ihn jedoch vor seiner Abreise in den Kongo bartlos, mit Brille und Hut sowie streng zurückgekämmtem Haar. Mit neuer Identität wollte Guevara seinen Kampf fortsetzen. Hetmann räumt mit der damaligen Meinung auf, es sei zu einem Zerwürfnis zwischen Che und Castro gekommen, und belegt es. In allen Einzelheiten beschreibt er die Zeit im Kongo und in Bolivien – bis zum Tode Guevaras.

Nichts von der Verklärung aus den 70er Jahren ist übrig geblieben, und dies bekommt dem Buch gut; eine sachliche Bestandsaufnahme des Wissens um einen letztlich gescheiterten Revolutionär ist das Ergebnis.

Nach Ende der Lektüre bleibt der Leser im 21. Jahrhundert ein wenig ratlos zurück; er vergleicht die Handlungsabläufe der USA aus jener Zeit mit der aktuellen Geschichte im Irak, in Afghanistan, überlegt, ob die Geheimdienstmethoden heute und damals wohl ähnlich sind. Und deshalb ist das Buch auch 40 Jahre nach dem Tode Guevaras noch sehr aktuell.

Frederick Hetmann
Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker
Die Lebensgeschichte des Ernesto Che Guevara

  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Beltz; Auflage: N.-A. (30. Oktober 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3407789130
  • ISBN-13: 978-3407789136
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 – 15 Jahre
  • Größe: 18,6 x 10,8 x 3 cm



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