Deutschland schafft sich ab

Deutschland schafft sich ab

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Von Dr. Wolf Tekook

Am 30. August 2010 kam das Buch Deutschland schafft sich ab von Thilo Sarrazin auf den Markt. Am 29. Oktober 2010 meldete der SPIEGEL Online eine Gesamtauflage von 1,1 Millionen, von denen 1 Million bereits ausgeliefert seien. Am 7. Februar 2011 belegte das Buch in der Amazon- Verkaufsstatistik immer noch den Rang 21.

Gibt man beim Internet- Suchdienst Google den Namen Sarrazin ein, so lauten die Titel auf der ersten Seite unter anderem:

  • Sarrazin gegen die Wissenschaft
  • Rückblick auf eine Debatte: Thilo Sarrazin ist kein Held …
  • Samba, Spaß und Sarrazin
  • Streit um Unterrichtsmethoden – Frau Sarrazin – autoritär oder
  • Thilo Sarrazin und seine Leser – Wer hat Angst vorm fremden Mann
  • Erneuter Sarrazin-Streit: Die Oberlehrer der Nation – Politik
  • Sarrazins Thesen: So wird Deutschland dumm – Das Buch – Feuilleton
  • Intelligenzforscher: „Sarrazin zu beschimpfen, führt nicht weiter
  • Skandal-Buch: Sarrazin provoziert Deutschland mit Texthäppchen

Unzweifelhaft ein Buch, das polarisiert, zu Kritik reizt, Reaktionen hervorruft. Dabei werden schnell zwei Fraktionen erkennbar: Große Teile der Journaille reagieren empört, werfen dem Autor Rassismus, Geschichtsfälschung, Hantieren mit falschem Zahlenmaterial und vieles mehr vor. Das (lesende?) Publikum sieht das anders; verhaltene bis engagierte Zustimmung dominiert die Diskussionen im privaten Bereich. Was den Rezensenten bewegt: Wie viele der Ungezählten, die eine Meinung haben und sie propagieren, haben das Buch wohl tatsächlich von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, wer hat es nur überflogen und dann zufällig ausgewählte Zitate in eine Kritik einfließen lassen, wer übernimmt ungeprüft die Meinung anderer?

Wer sich auf das lückenlose Lesen dieses Buches einlässt, braucht schon einige Zeit, bis er auf Seite 408 auf den humanistische Vorbildung versprechenden Schlusssatz Hic Rhodus, hic salta! stößt. Getreu der äsopschen Formel fordert Sarrazin dazu auf, etwas zu tun, aktiv zu handeln, bevor es seiner Meinung nach zu spät ist. Stilistisch ist das Buch schwer einzuordnen. Einer Fülle von – oft durch Tabellen aus offiziellen Quellen ergänzter – Fakten stehen ohne klar Trennung persönliche Interpretationen und Schlussfolgerungen zur Seite. Plauderton und zeigefingererhobene Mahnung wechseln einander ab, vielfältige Redundanzen machen schnell klar, was das Hauptanliegen Sarrazins ist.

Seine Kernthesen sind schnell aufgezählt:

  • Eine stetig steigende Zahl von Immigranten aus den unteren Schichten der islamischen Ländern und Afrikas kommt allein deshalb nach Deutschland, weil die hiesigen Transferleistungen (Hartz IV) ihnen ohne Arbeit ein weit erträglicheres Auskommen garantieren als in ihren Heimatländern.
  • Durch mangelnden Integrationswillen dieser Gruppen entsteht ein fremdländich geprägter Staat im Staate.
  • Da die gesetzliche Konstruktion der Transferleistungen so konzipiert ist, dass die Zahlungen mit jedem Kinde mehr steigen, als für den Unterhalt der Kinder nötig ist, besteht ein hoher Vermehrungsanreiz in diesen unteren Schichten.
  • Weil gleichzeitig der Reproduktionswille besonders der Intelligenzia deutscher Provenienz stark zurückgeht, kommt es zu Überfremdung und Verdummung der in Deutschland Lebenden bei gleichzeitig insgesamt sinkender Einwohnerzahl – binnen weniger Generationen.

In einem als satirisch angekündigten Artikel am Ende des Buches formuliert Sarrazin das unweigerlich zu erwartende Endergebnis. Ein Beispiel:

“… Den rettenden Einfall [zur Rettung vom Verfall bedrohter Kirchen, Schlösser und Museen] hatte der Kultusminister bei einem Besuch in Istanbul zu Ostern 2095. In der wunderbar restaurierten Hagia Sophia kam ihm die Erleuchtung: Seit über 600 Jahren haben die Türken diese ehemals christliche Kirche genutzt und instand gehalten. Das wäre doch das Modell für die großen deutschen Dome, die die Finanzkraft der sterbenden Kirchen schon lange überforderten. So gingen als erstes Versuchspaket in Form einer Dauerleihgabe der Kaiserdom zu Speyer, das Ulmer Münster, die Münchner Frauenkirche, der Bamberger Dom und der Kölner Dom an die islamische Glaubensgemeinschaft zur künftigen Nutzung als Moscheen. Im Gegensatz sicherte diese die denkmalschutzgerechte Erhaltung der Bauwerke zu… “

Selbstverständlich bietet Thilo Sarrazin ein Modell zur Abhilfe an: Begrenzung des Zuzugs aus den genannten Weltregionen, Förderung der Vermehrung der Deutschen aus Mittel- und Oberschicht im Sinne einer positiven Selektion, Absenken der Transferleistungen an Nicht- Arbeitende, keinen finanziellen Vorteil durch Kinder für nicht Arbeitende und einiges mehr. Die Notwendigkeit dieser Maßnahmen stuft der Autor als wesentlich höher ein als den Kampf gegen die Erderwärmung.

Nicht ist wirklich neu an diesem Buch, am allerwenigsten der Sozialdarwinismus. Und doch macht die Lektüre nachdenklich, wirken einige der Szenarien überzeugend. Die heutige Gesellschaft ist von Permissivität und unbegrenzten Toleranzgedanken geprägt. Ein Verdienst Sarrazins ist die Überlegung, dass ein solches grenzenloses Verständnis für andere Völker und Kulturen auch die Möglichkeit eines (massenhaften) Missbrauchs in sich birgt. So, wie sich heute die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass man Menschen mit einem völlig anderen Lebensmuster nicht hilft, wenn man ihnen die europäischen Gesetze, Regierungsformen und Lebensweise bringt, bietet sich auch ähnliches Denken im umgekehrten Falle an: Der Schutz europäischer Lebensformen vor einer Überfremdung – im Sinne einer feindlichen Übername durch erhöhte Geburtenzahlen nicht- arbeitender Immigranten.

Unerwarteterweise fällt es schwer, eine eindeutige Wertung der im Buch vertretenen Thesen vorzunehmen. Sicher sind die gesammelten Fakten und Statistiken gezielt ausgewählt, um die Thesen des Autors zu unterstützen; genau so sicher ließen sich bei einer anderen Grundthese genau so viele Belege für eine konträre Aussage aus den vorliegenden Daten finden. Was Thilo Sarrazin macht: Er bezieht (unbequem) Stellung, fordert die Diskussion, die er mit seinen gelieferten Beispielen selbst stark anheizt. Deshalb hat dieses Buch seine Berechtigung – als Denkanstoß. Bleibt zu hoffen, dass zumindest einige der inzwischen über 1,2 Millionen Buchbesitzer es auch wirklich komplett lesen und sich nicht nur auf das Rezitieren von Fremd- Wiedergekäutem verlassen.

Thilo Sarrazin
Deutschland schafft sich ab
Wie wir unser Land aufs Spiel setzen

  • Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
  • Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt; Auflage: 18 (30. August 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3421044309
  • ISBN-13: 978-3421044303
  • Größe: 22 x 14,4 x 4 cm
  • Preis: 22,99 €


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