Unser Jahrhundert – Die Erfahrung zweier Leben

Unser Jahrhundert – Die Erfahrung zweier Leben

image_pdfRezension als PDFimage_printRezension Drucken


Helmut Schmidt und Fritz Stern im Dialog

Das Titelbild des Buches vermittelt glaubhaft die entspannte Atmosphäre bei den Gesprächen, aus denen das Buch Unser Jahrhundert entstand: Fritz Stern, der als Kind aus dem Nazideutschland geflohene Historiklehrer von der Columbia University, ist seinem Gesprächspartner freundlich und aufmerksam zugewandt; Helmut Schmidt, Alt- Bundeskanzler und ZEIT- Herausgeber, zeigt ein kritisches Lächeln. Zusammen vereinten sie 175 Lebensjahre auf ihren Schultern, als sie sich im Juni 2009 im Schmidtschen Hause in Hamburg zu einem dreitägigen Dialog über die politische und gesellschaftliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts zusammensetzten – als wahre Zeitzeugen, die diese Zeit nicht nur selbst erlebt, sondern auch maßgeblich mitgestaltet haben.

Unser Jahrhundert

Seit 1976 kennen sich die Beiden, sind zu Freunden geworden. Bei der Vorstellung von Fritz Sterns Autobiographie Fünf Deutschland und ein Leben im Jahre 2007 entstand die Idee zu dem jetzt veröffentlichten Gespräch. Diszipliniert, aber locker sprachen sie an drei Vor- und Nachmittagen miteinander, während ein Tonband jedes Wort protokollierte. Nach Ausdruck überarbeitete jeder seinen Part, wobei Übereinstimmung herrschte, dass das frei gesprochene Wort nicht durch Nachbessern „oder durch die Regeln der Hochsprache ins Prokrustesbett“ gezwängt werden sollte.

Das Ergebnis ist ein lebendiges und sehr menschliches Gespräch. Helmut Schmidt beginnt lapidar: „Fangen Sie an, Fritz.“ Sie sind Freunde, reden sich mit den Vornamen an, aber siezen sich – ein Beweis der gegenseitigen Wertschätzung. In großen Bögen bauen sie ihren Dialog auf, eilen im Sauseschritt durch die Jahrzehnte. Im ersten Teil stellen sie die Frage nach der Relevanz eines Geschichtsbewusstseins für einen Politiker, bewegen sich über Russlandfeldzug, die amerikanischen Präsidenten Bush senior und junior, den Aufstieg Chinas, die Neokonservativen und den Antisemitismus bis zum Schrecken des Holocaust. Man merkt: Dieses Wissen ist nicht angelesen, sondern selbst erlebt. So ist dieses Buch kein Geschichtsbuch zum systematischen Lernen. Aber es spürt die gedanklichen, die ideologischen, die wiederkehrenden Muster auf, knüpft Fäden und macht Verbindungen deutlich.

Die alten Herren nehmen dabei kein Blatt vor den Mund, nennen die Dinge beim Namen. Ein Beispiel zum Uniformkult:

Stern: Woher kommt Ihrer Meinung nach die Liebe der Deutschen zur Uniform?

Schmidt: Das ist nicht nur in Deutschland so, das finden Sie überall auf der Welt – gucken Sie sich die Uniformen doch an! Die Generale haben alle irgendwo Rot und viel Gold auf den Schultern und Rot an der Mütze und Rot an den Hosen – also diese gockelhafte Ausstattung des Militärs, die ist weit verbreitet, bis hin nach Zaire und in den Kongo. Gucken Sie sich die Uniformen an in Nordkorea!

Stern: Oder die Kostüme von Herrn Gaddafi!

Schmidt: Gaddafi sieht beinahe aus wie eine Karikatur auf Wilhelm II. Im Ernst, Fritz, von allen Diktaturen auf der Welt der letzten zweihundert Jahr sind mindestens die Hälfte Militärdiktaturen. Das hängt nicht unbedingt nur damit zusammen, dass das Militär besonders machthungrig wäre, es hängt damit zusammen, dass das Militär weltweit viel Autorität hat bei den Volksmassen.

Selbsterkenntnis und eine Portion Selbstironie sind die Würze, In der Beurteilung ihrer Weggenossen sind sie sich oft einig, wie in der Negativeinschätzung des amerikanischen Präsidenten Bush jr. Über die Notwendigkeit von Bildung bei Politikern lassen sie sich wie folgt aus:

Schmidt: … Nach meiner Erinnerung gab es in den sechzig Jahren Bundesrepublik mindestens drei Politiker, die eine sehr ansehnliche Bildung im Hinterkopf mit sich herum trugen. Das war Kiesinger, das war, mit Schwerpunkt alte Geschichte, Franz Josef Strauß, und der dritte war Carlo Schmid.

Stern: Strauß jedenfalls hatte ein gutes Gedächtnis und eine große rhetorische Begabung. Das hilft über manches Bildungsdefizit hinweg.

Schmidt: Es gehört zum politischen Handwerk, dass man über Lücken hinwegpfuscht.

Stern: Haben Sie das auch getan?

Schmidt: Natürlich. Nur Professoren haben das nicht nötig, – Also, ich hatte schon Respekt vor der Bildung von Strauß. Aber natürlich war sie mit der von Carlo Schmid nicht zu vergleichen.

Stern: Einen Moment. Bildung ist ja keine Qualität per se, und sie ist auch per se keine Notwendigkeit, um gute Politik zu machen. Ich denke, um Politik zu machen – je nach dem, in welcher Position man ist -, muss man ein gewisses Verständnis für historische Zusammenhänge mitbringen, ein gewisses Verständnis für ökonomische Zusammenhänge und ein gewisses Verständnis für verfassungsrechtliche Zusammenhänge. Vor allem ein gewisses Verständnis für Menschen. Das hat mit Bildung im engeren Sinn wenig zu tun, oder?

Schmidt: Ich tendiere dazu, Ihnen Recht zu geben. Gleichwohl möchte ich keinen total ungebildeten Bundeskanzler haben. Helmut Kohl war nicht allzu gebildet – und ich auch nicht. Aber im Unterschied zu mir wusste Kohl das nicht. …

Die Zeit bei der Lektüre vergeht wie im Fluge. Man ist gespannt auf jede Wendung des Gesprächs, schmunzelt zu eingestreuten Witzeleien über Altersgebrechen und bringt es nicht übers Herz, dieses Buch zur Seite zu legen. Manche Themen kehren an den drei Tagen wieder, einiges wird nur kurz gestreift, anderes ausführlich erörtert. Hier diskutieren nicht zwei weltfremde Theoretiker, sondern handfeste und sehr lebenserfahrene Menschen, die es mühelos schaffen, auch komplizierte Sachverhalte verständlich zu erläutern.

Fazit:

Ein besonderes Lesevergnügen für jeden an Politik und Geschichte Interessierten, eine Inspiration zu weiterführender Lektüre – eine überzeugende Sicht auf dieses so unruhige 20. Jahrhundert.

Helmut Schmidt, Fritz Stern: Unser Jahrhundert

  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
  • Verlag: C.H. Beck; Auflage: 1 (15. Februar 2010)
  • ISBN-10: 3406601324
  • ISBN-13: 978-3406601323
  • Größe: 22 x 14,8 x 2,6 cm
  • Preis: 21,95 €



“Unser Jahrhundert” kaufen

Ein Gedanke zu „Unser Jahrhundert – Die Erfahrung zweier Leben

  1. Für mich ist “Unser Jahrhundert” das beste politische Sachbuch der letzten Jahre. Auch die Hörbuchversion gesprochen von Hanns Zischler und Hans Peter Hallwachs ist ein echtes Hörvergnügen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.