Vatikan AG – Geldwäsche und politische Einflussnahme

Vatikan AG – Geldwäsche und politische Einflussnahme

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Thesen und Dokumente im Buch von Gianluigi Nuzi

Man fühlt sich beim Lesen des Buches an die jüngste Bankenkrise erinnert: Nicht nur um Millionen, sondern um Milliarden geht es in dieser Chronik der Geschäfte des IOR (Istituto per le Opere di Religione – Institut für die Werke der Religion), wie die Vatikanbank offiziell heißt.

Die Schlüsselfigur für dieses Buch, das in deutscher Übersetzung beim Ecowin- Verlag erschienen ist, trägt den Namen Monsignore Renato Dardozzi. Von 1974 bis in die neunziger Jahre bekleidete er eine leitende Position in der Verwaltung der Kirchfinanzen des Vatikans; kraft dieses Amtes nahm er an geheimen Sitzungen der engsten päpstlichen Mitarbeiter teil. Er war zu lebenslanger Schweigepflicht über alles dort Diskutierte verpflichtet. Doch nach seinem Tod im Jahre 2003 machte er die in 20 Jahren seiner Arbeit im Vatikan gesammelten 4000 Dokumente öffentlich. Sein letzte Wille war: „Diese Dokumente sollen veröffentlicht werden, damit alle erfahren, was hier geschehen ist.“ Er hatte seine Sammlung im Keller eines entlegenen Bauernhofs im Tessin, jenseits der italienischen Staatsgrenzen, sicher gelagert. Gianluigi Nuzzi erhielt die kompletten Dokumente von den Nachlassverwaltern des Monsignore. Auf der Webseite http://www.chiarelettere.it sind sie im Faksimile unter dem Stichwort Vaticano S.p.A. auffindbar.

Vatikan AG

Der Vatikan reagierte auf dieses Buch, das im Mai 2009 in Italien erschien und innerhalb weniger Monate 250000 Mal verkauft wurde. Obwohl es keine offizielle Stellungnahme zum Buch gab, wurde die Struktur des IOR grundlegend geändert. War das IOR bis dahin eine Offshore- Bank außerhalb jeglicher Kontrollvorschriften, wurde jetzt eine Währungsvereinbarung mit der Europäischen Uniion unterzeichnet; damit unterliegt die Vatikanbank jetzt auch den in der EU geltenden Gesetzen zur Verhinderung von Geldwäsche. Der Bankier Angelo Caiola, einer der Drahtzieher an der Spitze des IOR, wurde vorzeitig entlassen. Der Posten des Prälaten der Vatikanbank, der das Bindeglied zwischen den weltlichen Mitgliedern des Aufsichtsrates und der Kardinalskommission zur Kontrolle des IOR war, wurde gestrichen. Donato de Bonis, der in diesem Buch als Drahtzieher der meisten illegalen Aktionen gebrandmarkt wird, hatte ihn lange innegehabt.

Nuzzi unternimmt im ersten Teil den Versuch, anhand der Dokumente die Handlungsstränge der vatikanischen Finanzverwaltung zu rekonstruieren. Er knüpft thematisch an das Buch Im Namen Gottes? von David Yallop an, in dem die Machenschaften des Banco Ambrosiano mit Roberto Calvis und dem IOR mit Erzbischof Paul Marcinkus aufgelistet wurden. Nach dem Zusammenbruch des Banco Ambrosiano wurde de Bonis zur Zentralfigur der Bankgeschäfte. Er legte Geheimkonten an – unter anderem für den siebenmaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. Die Konten lauteten nicht auf die realen Namen der Anleger, sondern trugen anonyme Bezeichnungen, von denen sich allerdings die meisten anhand der Unterlagen von Renato Dardozzi entschlüsseln ließen. So führte das Konto von Andreotti die Bezeichnung Stiftung Kardinal Francis Spellman,

De Bonis baute ein internationales Kontennetzwerk auf, über das die Gelder nach Belieben verschoben wurden. Zeitweise träumte man davon, eine Weltbank im Vatikan zu schaffen. Laut Caiola wäre diese Bank absolut konkurrenzlos: „Ihre Diskretion, die üppigen Zinsen und die Unzugänglichkeit der Konten werden nicht nur von den weltlichen Kunden geschätzt, sondern  auch von Ordensgemeinschaften und Kongregationen, Nonnen und Mönchen, die sich zwar einem Leben in Armut verschrieben haben, ihre Finanzen aber dennoch eifersüchtig hüten.“

Im zweiten Teil des Buches werden die Finanzoperationen, mit denen nach dem Zusammenbruch der Democratia Cristiana die Entstehung einer neuen Großen Partei der Mitte unterstützt wurde, beschrieben. Auch das Waschen von Mafiageldern gehört(e) laut Nuzzi zu den Aufgaben des IOR. Sowohl die Versuche der italienische Finanzverwaltung, gegen die illegalen Transaktionen des IOR vorzugehen, also auch Gerichtsprozesse gegen den Vatikan in anderen Ländern – wie 2002 in den USA – werden aufgeführt.

Als Kronzeuge für die Rolle der Vatikanbank bei der Geldwäsche für die Mafia wird Massimo Ciancimino, der Sohn des früheren Bürgermeisters von Palermo und Interessenvertreters der Corleonesen, Don Vito Ciancimono, benannt. In einem Interview vom 20. Dezember 2007 in der italienischen Zeitschrift Panorama berichtete er freimütig über die Verquickungen zwischen Vatikan und Mafia.

Fazit:

In dem Buch Vatikan AG wird eine Fülle von Materialien über die Tätigkeit der Vatikanbank (IOR) veröffentlicht. Wichtige Dokumente aus der Geheimsammlung des Monsignore Renato Dardozzi werden als Faksimile und in Übersetzung präsentiert. Weiterführende Quellenangaben finden sich überreichlich.

Stilistisch erinnert der Text an den Jahresbericht eines Wirtschaftsunternehmens – trocken und faktenorientiert; dabei wird im letzten Teil, wo es um die Beziehungen zur Mafia geht, zugegeben, dass vieles dort Gesagte nicht bewiesen ist.

Wer sollte dieses Buch lesen? Zunächst natürlich die Kirchengegner, die nach Argumenten gegen ihr Feindbild suchen. Allerdings werden sie schon im Vorwort enttäuscht, weil auch über die Maßnahmen des Heiligen Stuhls zur Eindämmung illegaler Aktivitäten berichtet wird. Die Chefs der in diesem Buch Angeklagten haben nach der Lektüre reagiert. Der auf dem Umschlag abgedrückten Wertung von Il Messagero; „Dieses Buch muss man unbedingt lesen. Spannend wie ein Krimi und fesselnd bis zum letzten Augenblick, erzählt es eine bisher unbekannte Geschichte.“ möchte man sich nicht anschließen – es sei denn, man fühlte den Nervenkitzel und die Aufregung auch bei der Lektüre einer Bilanz einer Bank oder eines Stahlkochers.

Gianluigi Nuzzi: Vatikan AG
·  Gebundene Ausgabe: 356 Seiten
·  Verlag: Ecowin Verlag; Auflage: 5., Aufl. (25. März 2010)
·  ISBN-10: 3902404892
·  ISBN-13: 978-3902404893
·  Originaltitel: Vaticano S.p.A.
·  Größe: 21,6 x 15,2 x 3,6 cm
·  Preis: 22,50 €



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