Zwischen Weltwirtschaft und Wissenschaft

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Biographie Henry Theodor von Böttinger

Henry – wer bitte? Nie gehört! Und dann auch noch eine Buchveröffentlichung auf der Basis einer Dissertation? Das ist doch bestimmt nur hochwissenschaftliche Thematik in für Laien unverständlicher Sprache, nichts für Normalbürger!

Aber warten Sie, lieber Lesebegieriger! Vielleicht ist alles ganz anders.

Der Historiker Josef Wilhelm Knoke schafft es in flüssiger und spannender Diktion, den Unternehmer Henry Theodor von Böttinger (1848-1920) auch für den geschichts- und wirtschaftsinteressierten Leser plastisch zu beschreiben.

Als Spross einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, deren Wurzeln sich bis in das Jahr 1556 zurückverfolgen lassen, wurde er im englischen Burton-on-Trent geboren, wo sein Vater Heinrich Wilhelm Böttinger die technische Leitung der Allsopp- Brauerei innehatte. Seine schulischen Leistungen waren eher mittelprächtig, sowohl in England als auch später nach der Rückkehr in das Deutsche Reich. Er studierte, allerdings ohne einen Abschluss. Anschließend arbeitete er bei der Bayerischen Wechselbank, wo er es in zwei Jahren zum Prokuristen brachte.

Als sein Vater überraschend starb, erbte er das Würzburger Hofbräuhaus, dessen Produkte er mit dem gezielten Einsatz neuer Techniken und expansivem internationalem Marketing bis in die USA brachte.

Im Jahre 1878 heiratete Böttinger Adele, die Tochter von Friedrich Bayer, dem Gründer der Farbenfabriken Bayer. Da sich Adele in Würzburg nicht wohlfühlte, übersiedelte die Familie nach Elberfeld (heute Wuppertal), wo Böttinger auf Empfehlung des Bayer Vorstandsvorsitzenden und Schwagers Carl Rumpff, der von seinen Erfolgen in Würzburg begeistert war, in die Firmenleitung von Bayer.

Mit hohem Arbeitseinsatz und unkoventionellen Ideen meisterten er und Schwager Rumpff eine schwere Absatzkrise bei Farbstoffen, indem er einen in England neuentwickelten Farbstoff patentieren ließ und anschließend erfolgreich produzierte.

Bayer expandierte und begann bald auch mit der Produktion von Arzneimitteln. Elberfeld wurde bald zu klein, und Böttinger initiierte einen neuen Produktionsstandort am Rhein, im heutigen Leverkusen.

Böttingers Hauptinteresse war die weltweite Vermarktung neuer Produkte; um neue Märkte zu erschließen, unternahm er weite Reisen um die ganze Welt. Neben dem Finden von Vertriebspartnern schaute er sich auch genau Lösungen ausländischer Firmen in der industriellen Produktion an, um Verwertbares in die eigene Firma zu integrieren. So schaute er sich sehr genau die Fließbandproduktion Henry Fords in Detroit an. Er öffnete unter anderem den schwierigen Markt Russland für die Firma Bayer, exportierte in den Nahen Osten, nach Asien und Australien.

Schön früh erkannte er, dass gerade für die chemische Industrie eine stärkere Verbindung zwischen theoretischer Wissenschaft und Industrie essentiell war. So betrieb er die Gründung der Göttinger Vereinigung als einem Bindeglied zwischen Forschung und Anwendung, setzte sich für eine gleiche Ausbildung angehender Chemiker und Physiker ein und betrieb erfolgreich das, was moderne Ökonomen public private partnership nennen.

Auf das Netzwerken – auch ein aktueller Begriff des 21. Jahrhunderts – betrieb er intensiv: er wurde Mitglied in zahllosen formenrelevanten Vereinen und Verbänden, stand vielen von ihnen vor. Er engagierte sich in der Politik und zog als Abgeordneter für Mettmann in den Reichstag, was seine Kontaktmöglichkeiten nochmals ausweitete. Er regte Kooperationen – und Absprachen – innerhalb der verschiedenen Firmen der chemischen Industrie an. Im Jahre 1911 war er Gründungsmitglied und Senator der Kaiser- Wilhelm- Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Ihre noch heute bestehende Nachfolgeorganisation ist die Max- Planck- Gesellschaft.

Der inzwischen sehr wohlhabende Böttinger spendete reichlich und engagierte sich mit hohem Einsatz, wenn es der Verfolgung seiner Ziele diente.

Seine Vernetzung machte vieles möglich; als im 1. Weltkrieg der Export von Farben ins feindliche Ausland untersagt wurde, konnte Böttinger den Reichskanzler bewegen, die Farbenindustrie vom Ausfuhrverbot zu befreien. Eine Anekdote am Rande: In Kriegszeiten überzeugte Böttinger die Staatsmacht, nach englischem Vorbild die Sommerzeit einzuführen.

Und was war der persönliche Benefit für Böttinger, einmal abgesehen vom Geld? Er sammelte Titel (zwei Ehrendoktorhüte, die Aufnahme in den Adel). Er lebte repräsentativ und aufwändig, stellte seinen Reichtum gerne zur Schau. Er hatte Zugang zu höchsten Kreisen, selbst zum deutschen Kaiser, er sammelte Orden ein.

Nach dem verlorenen Krieg verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation – privat und bei seiner Firma. Doch bis zu seinem Tod 1920 arbeitete er unermütlich weiter für Bayer.

Was macht die Biographie lesenswert?

Die Lebensgeschichte dieses Firmenlenkers aus Zeiten der industriellen Revolution zeigt ihn eingebettet in die ungeheure Dynamik des Wandels von der von Landwirtschaft geprägten Vergangenheit in die Industriewelt, wie sie Deutschland und die Welt bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts geprägt hat. Sie zeigt, wie weit unternehmerisches Selbstbewusstsein, gepaart mit Zähigkeit und riesigem Arbeitseinsatz, zum Erfolg führte. Sie beschreibt, wie Reputation, auch Macht, zum Eindruck eines erfüllten Lebens führen konnten – und dies auch ohne eine klassische Ausbildung mit universitärem Abschluss.

Die Biographie belegt, wie vieles, was heute in der Ökonomie auf das Podest gehoben wird, schon im 19. Jahrhundert angedacht und realisiert wurde.

Dies alles und der flüssige Schreibstil Knokes machen dieses Buch auch für einen Nichthistoriker zum Vergnügen.

Josef Wilhelm Knoke
Zwischen Weltwirtschaft und Wissenschaft

Der Unternehmer und Wirtschaftsbürger Henry Theodor von Böttinger
Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein- Westfalens, Band 90

  • Hardcover: 352 Seiten
  • Verlag: Klartext Verlag, Essen (Mai 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-13: 978-3-8375-2069-9
  • Größe:  17,7 x 2,5 x 24,6 cm
  • Preis: 39,95€

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