Die Kuckuckskinder – 2 Bände

Die Kuckuckskinder – 2 Bände

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Regionale Kriminalromane sind mittlerweile zu Recht Evergreens in den Bücherregalen der Belletristikliebhaber. Das Konzept ist einfach: Man denke sich eine spannende Story aus – in der Regel geht es um Mord(e), einerlei ob aus Leidenschaft, purer Verwerflichkeit, aus sadistischen Motiven heraus oder vielen anderen Beweggründen. Zunächst werden Tat und oft auch die psychologischen Hintergründe ausführlich beschrieben. Dann machen sich die Ermittler, professionelle Strafverfolger oder begabte Amateure, daran, den Täter zu jagen. Natürlich geht es dabei spannend zu, unerwartete Wendungen, das Auftreten neuer Personen, Rückgriffe in die anfangs oft unbekannte Vorgeschichte halten den Leser kurzweilig in Atem, führen ihn oft in die Irre, bis dann auf den letzten Seiten des Schmökers der Schurke oder die Missetäterin entlarvt und der gerechten Strafe zugeführt wird.

Die Subspezies Regionalkrimi ergänzt diese Szenarien mit genauen Beschreibungen existierender Orte und Eigenarten, greift regionstypische Spezialitäten wie Mundart, lokale Essensrezepte und Getränke und in eng umgrenzten Gebieten übliche Verhaltensabweichungen von globalen Umgangsformen auf. So werden die Geschichten für die Bürger der entsprechenden Region nachvollziehbar, wieder erkennbar, persönlich. Wer selbst schon in einer beschriebenen Kneipe ein Bier oder eine Abendmahlzeit genossen hat, wird sich stärker mit dem Buchthema identifizieren, das quasi in das eigene Leben eingreift. Mit diesem Vorgehen haben sich die Regionalkrimis eine örtlich begrenzte, dafür aber um so treuere Leserschaft gesichert.

Autor Norbert Potthoff hat in seinen bislang acht Büchern dieses Genres seinem Lebensort Krefeld Denkmäler gesetzt. Natürlich fehlen weder Lokalkolorit noch die regionalen Bierspezialitäten – in diesem Fall das Altbier aus der Hausbrauerei. Und doch geht Potthoff mit seinen beiden neuesten Büchern, erschienen 2021 und 2022, weit über die altbekannten Versatzstücke des Kriminalromans hinaus. Natürlich gibt es Tote, gar nicht mal so wenige, selbstverständlich löst ein intelligenter, schrulliger Hobbyermittler mit Adlatus auf den letzten Seiten jedes Buches souverän alles, was am Anfang verworren und unzusammenhängend erschien. Doch das eigentliche Thema geht weit über banale Morde hinaus:

Clara, die eigentliche Hauptperson, nimmt den Leser mit in eine Parallelwelt aus Pädophilie in riesigen Netzwerken, die ihren Ursprung hinter den verschlossenen Mauern der katholischen Kirche haben, hinter undurchdringlichen Mauern des Schweigens und der länderübergreifenden Kumpanei. Folgerichtig beschränkt sich das Geschehen auch nicht auf den Niederrhein; Rom, Barcelona, die Schweiz, Chile und viele andere Orte werden zu Schauplätzen. Missbrauch hinter den dicken Mauern von Klöstern und kirchlichen Schulen, die Vernetzung mit weltlichen Potentaten, die Geld, Macht und Skrupellosigkeit beisteuern, das Berufen des Netzwerks aus Schändern auf die vorgeblichen Ideale des von Humanisten so geliebten antiken Griechenlands – diese große und mächtige Gruppe, die sich den Namen Athener gegeben hat, unterwandert die Normalgesellschaft diskret, aber ungeheuer wirkungsvoll, bis Hobbyermittler DeBoer ihnen das Handwerk legen kann.

Die Story ist flüssig und stringent geschrieben, mehrere Handlungsstränge werden miteinander verknotet, bis natürlich am Ende alles entflochten wird. Zur Spannung der Verbrechensaufklärung kommen auch Beziehungen und die richtige Prise Erotik nicht zu kurz.

Beide zusammenhängenden Bände sind in der Ich- Form geschrieben.

Die Morde in den Niepkuhlen

Die Geschichte spielt regionalkrimitypisch in Krefeld. Frank Ammer, stellvertretender Leiter einer Krankenkasse, erlebnishungrig, doch ein wenig bieder, berichtet aus seiner Perspektive, wie er in mehrere Morde verwickelt wird, bei denen seine Vorgesetzte – Clara – zur Schlüsselfigur wird. Sein Onkel, Professor Thomas DeBoer, ein Archäologe, Hagestolz und Hobbykriminalist, taucht an einigen Stellen auf und sorgt auch dafür, die Rätsel zu lösen.

DeBoer auf Abwegen

Hier fällt die Ich- Form dem Professor zu, der sich zusammen mit Clara auf eine weite und anfangs ziellose Reise durch Europa begibt. Lieferte das erste Buch im Schlussteil die Täterin der Morde, so wird sie jetzt eindringlich geschildert zum Opfer, und natürlich gibt es nach insgesamt 828 Seiten, verteilt auf die beiden Bände, ein sowohl die Haupakteure als auch die Leser befriedigendes Happy End.

Mehr von der Story zu erzählen, zu spoilern, wie es auf Neudeutsch heißt, würde das Lesevergnügen mindern. Daher nur das

Fazit

Nach der Lektüre beider Bücher fällt es schwer zu verstehen, dass kein großer Verlag dieses Thema veröffentlichen wollte. So landeten die Ergebnisse langer Arbeit im Eigenverlag bei Amazon, aber auch so sind sie für die Liebhaber spannender Literatur mit teils erschreckenden zeitaktuellen Nuancen – man denke an die aktuellen Versuche der katholischen Kirche, die Missbrauchsfälle von Jahrzehnten, vielleicht aber auch Jahrhunderten aufzuarbeiten und die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft zu ziehen – eine unbedingte Empfehlung.

Die Morde in den Niepkuhlen

  • ASIN ‏ : ‎ B09LGQSDF4
  • Herausgeber ‏ : ‎ res publica artis (4. November 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 357 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8759695653
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.85 x 2.06 x 19.84 cm
  • Preis : 10,59 €

DeBoer auf Abwegen

  • ASIN ‏ : ‎ B09TDW96TY
  • Herausgeber ‏ : res publica artis (27. Februar 2022)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Taschenbuch ‏ : ‎ 486 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8423445942
  • Abmessungen ‏ : ‎ 12.85 x 2.79 x 19.84 cm
  • Preis : 14,98 €

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